Süddeutsche Zeitung Nr. 34 Thema: Brutaler Zwang zum Essen - Wie die USA gegen Hungerstreikende in Guantanamo vorgehen von Reymer Klüver
In dem Beitrag kommt bekommt der Leser folgendes zu lesen:
Die Firma ERC aus dem Bundesstaat Iowa preist ihren Stuhl als „Gummizelle auf Rädern“. Das Gerät sei bestens geeignet, „renitente, selbstzerstörerische oder gewaltbereite Gefangene zu kontrollieren“. Das amerikanische Unternehmen ist gut im Geschäft: Nach seinen Angaben hat das US-Militär Anfang Dezember zunächst fünf Stühle erhalten und später 20 weitere geordert, die Anfang Januar ausgeliefert wurden. Die Stühle wurden offenbar dringend gebraucht. Sie wurden dazu genutzt, einen seit Wochen andauernden Hungerstreik im Haftlager Guantanamo auf Kuba niederzuschlagen. Die Gefangenen wurden einfach an die Stühle gefesselt und zwangsernährt. Der Einsatz hat sich aus Sicht der Armee gelohnt: Nach Angaben des Militärsprechers von Guantanamo, Jeremy Martin, sank die Zahl der Hungerstreikenden von 84 Ende Dezember auf nunmehr vier. Rechtsanwälte der Gefangenen geißelten die Prozedur hingegen als weiteres Beispiel einer menschenverachtenden Behandlung in dem Lager. Die US-Regierung habe den Hungerstreik mit „äußerst brutalen und unmenschlichen Mitteln“ beendet, sagte der Washingtoner Anwalt Thomas Wilner nach einem Besuch in Guantanamo: „Es ist eine Schande“. Nahrungsschläuche seien derart gewaltsam durch die Nase eingeführt worden, dass die Gefangenen Blut gespuckt hätten oder in Ohnmacht gefallen seien. Zudem seien hungerstreikende Gefangene in unterkühlte Räume gebracht worden. Decken und Bücher seien ihnen entzogen worden. Auslöser für den Streik ist laut Wilner die hoffnungslose Lage der Gefangenen, die keine Aussicht auf ein Ende ihrer Internierung haben. Aus einer jetzt veröffentlichten Studie der Rechtsanwälte Mark und Josua Denbeaux geht hervor, dass selbst nach Einschätzung des US-Militärs 55 Prozent der etwa 500 Gefangenen in Guantanamo sich „keiner feindlichen Handlungen“ gegenüber US-Truppen oder ihren Alliierten schuldig gemacht haben. Nur acht Prozent seien überhaupt Al-Quaeda-Kämpfer. Lediglich fünf Prozent der Internierten hätten die Amerikaner selbst gefangen genommen.86 Prozent seien von pakistanischen Sicherheitskräften oder afghanischen Milizenüberstellt worden. Die Studie stützt sich ausschließlich auf Daten des Pentagons. Militärsprecher weisen die Misshandlungsvorwürfe zurück. Die Gefangenen würden „mitfühlend und menschlich“ behandelt. Die Prozeduren orientierten sich an den Vorschriften in amerikanischen Bundesgefängnissen. Tatsächlich aber bestätigten auch Militärangehörige, dass die Gefangenen teilweise „für Stunden“ in dem Gerät arretiert wurden, um sie daran zu hindern, die Nahrung zu erbrechen. Im Prospekt der Herstellerfirma wird ausdrücklich davor gewarnt, Menschen „ mehr als zwei Stunden“ in dem Stuhl festzuhalten. Vergangenen Sommer hat sich das Pentagon auch mit der Frage beschäftigt, was passieren soll, wenn ein Gefangener wegen des Streiks stirbt oder einer der häufig vorkommenden Selbstmordversuche erfolgreich sein sollte. In dem vertraulichen Papier wird unter anderem geregelt, wo ein Gefangener beerdigt werden soll, wenn sein Heimatland die Leiche nicht zurückhaben will. „Das sind eben die Realitäten einer langen Gefangenschaft“ sagte dazu ein Pentagon-Offizieller lapidar: „Mit so etwas muss man rechnen.“
Interessante Aussagen, nicht wahr?