Der Spiegel 47/2005 Thema: Der vergessene Gefangene von Holger Stark
In dem Beitrag kommt bekommt der Leser folgendes zu lesen:
Mit dem Far-Filastin-Gefängnis ist es wie mit einem Eisberg. Der gefährlichste Teil liegt verborgen unter der Oberfläche. (…) Aus dem Erdgeschoss (…) windet sich eine Treppe hinab in das dunkle Kellergewölbe, den Foltertrakt. Hier werden die Zellen von zwei Metalltüren gesichert. Dieser unterirdische Teil macht Fas-Filastin zu einem der berüchtigtsten Gefängnisse der Welt, einer Mischung aus Alcatraz und Abu Ghureib. (…) Kurz vor 17 Uhr strömen durch das guseiserne, fünf Meter hohe Gatter Dutzende Mitarbeiter des Armeegeheimdienstes nach draußen. Aufseher wie Ahmed, der vor fünf Jahren suspendiert wurde, weil er Gefangene zu Tode verhört hatte, und trotzdem weieder Dienst zun darf. (…) Heute ist der Platz reserviert für Gefolgsleute Bin Ladens oder solche, die die Syrer dafür halten, Männer wie Mohammed Haydar Zammar, 44.Zu Zammar geht es am Ende eines langen Flurs nach links, es ist die dritte Tür, kurz nach dem Waschraum, Zelle 13. Fast vier Jahre halten sie ihn hier schon fest. Immerhin: Er lebt. Das gilt als sicher, seit das Rote Kreuz einen Anruf von Walid al-Muallim bekam, dem stellvertretenden Außenminister. Für syrische Verhältnisse war die Botschaft ein kleines Wunder: Ihr könnt ihm schreiben.(…) Es ist eine gute und eine schlechte Nachreicht zugleich. Zammar lebt. Aber ob ihn seine Familie jemals wiedersehen wird, ist offener denn je. (…) Der Fall Zammar ist ein Exempel des „Kriegs gegen den Terror“, in dem den USA fast jedes Mittel recht scheint, auch Folter in einem Land wie Syrien, das die Amerikaner offiziell als „Schurkenstaat“ bekämpfen. Er steht für die Frage, wie weit ein Rechtstaat gehen darf, vor allem dann, wenn die Trennung zwischen Recht und Unrecht so unscharf ist. Und die Entführung wirft Fragen auf nach der Rolle der Bundesregierung, die offiziell nichts Genaues weiß über das Schicksal ihres Staatsbürgers, aber ebenfalls profitieren wollte von den Geständnissen Zammars, und die deshalb eine Delegation deutscher Beamter nach Damaskus schickte. (…) Am 20. November 2002 machte sich eine deutsche Delegation auf den Weg gen Damaskus. Zwei Beamte kamen aus Köln, von Bundesamt für Verfassungsschutz. Zwei weitere reisten aus Pullach an, vom Bundesnachrichtendienst. Und zwei stießen aus Meckenheim dazu, vom Bundeskriminalamt. Die sechs Männer, die an einem milden Herbstmittwoch auf dem Damascus International Airport landeten, 25 Kilometer südöstlich vom Stadtzentrum kennen Zammar seit langem.
Die Verfassungsschützer kannten ihn, weil sie ihn anwerben wollten als Spitzel, damals, 1997 in Hamburg. Sie nannten es „Operation Zartheit“, in Anspielung auf Zammars Statur. (…) Die Syrer hatten ihn am Tag vor dem Besuch aus der Zelle holen lassen, sie hatten ihm die Haare geschnitten, ihn neu eingekleidet und ungewöhnlich höflich behandelt. Nichts sollte verraten, dass der Häftling in den Wochen davor täglich verhört worden war – und wie, die anderen Gefangenen hatten die Schreie bis in die Zellen hören können. (…) Drei Tage verbrachten die deutschen Ermittler mit Zammar in Damaskus. Als die Arbeit getan war, lud Schaukat die Gäste aus Almania zum Abendessen, als Zeichen der deutsch-syrischen Verbundenheit. Die Details aus der Vernehmung sind bis heute unter Verschluss, sie sind in keines der Ermittlungsverfahren gegen Islamisten eingeflossen, obwohl das BKA die mit den Ermittlungen beauftragte Behörde ist. Die Polisten wissen, dass kein rechtstaatliches Gericht eine Vernehmung in Damaskus akzeptieren würde, in einem berüchtigten Foltergefängnis.
Das Far-Filastin ist ein Hort des Schreckens. Es heißt, dass es fast leichter ist, hier zu sterben als zu überleben. Die Zellen sind kaum größer als ein Schrank, geschätzte 1,85 Meter lang, 85 Zentimeter breit und knapp 2 Meter hoch, so schildern sie ehemalige Insassen. Die Gefangenen nennen sie „die Gräber“ Statt eines Bettes haben die Häftlinge Laken, eine Plastikflasche ersetzt tagsüber die Toilette. Im Sommer rinnt das Kondenswasser von den Betonwänden, im Winter ist es manchmal so kalt, dass die Kakerlaken tot auf den steinernen Boden fallen. Über den Flur huschen Ratten, manche so groß wie Katzen, sie pressen sich unter den Zellentüren hindurch auf der Suche nach Nahrung. Dreimal am Tag bringen die Wärter Essen, Jogurt und Tee am Morgen beispielsweise, Bulgur zu Mittag und am Abend eine Linsensuppe. Das Essen ist meist so verdorben, dass Zammar wie die meisten Häftlinge schon bald an dauerhafter Diarrhöe litt, wie sich Abdullah al Malki erinnert. (…) Folter, sagt Amnesty International, sei im Far-Filastin an der Tagesordnung. Entlassene Gefangene berichten von Kabelschlägen auf die nackten Fußsohlen bis zu Elektroschocks, 38 Foltermethoden hat Amnesty dokumentiert. Besonders gefürchtet ist ein Autoreifen, in den der Gefangene hineingezwängt wird. Der Reifen wird aufgehängt und der Gefangene anschließend mit Schlagstöcken malträtiert.
Interessante Aussagen, nicht wahr?