MONITOR Nr. 524 am 30. September 2004 Thema: Kosovo: Deutsche Soldaten bei Zwangsprostituierten von: Inge Bell, Karin Führ
In dem Beitrag kommt bekommt der Leser folgendes zu lesen:
Seit dem Jahr 2000 untersucht Amnesty International Fälle im Kosovo, wonach deutsche Soldaten - also unsere Friedenssicherer - Bordelle besuchen, in denen verschleppte osteuropäische Frauen zur Prostitution gezwungen werden. Mal wiegelt das Verteidigungsministerium ab, mal kündigt es Aufklärung an. Geschehen ist bis heute nichts. In ihrem Bericht stellt Inge Bell fest: Auch deutsche Soldaten fördern weiter ein brutales Gewerbe."
Kosovo. Etwa 4000 deutsche Soldaten sind hier stationiert. Der Job ist hart, manchmal gefährlich. Wie vor ein paar Monaten, als Albaner sich blutige Kämpfe mit Serben lieferten. Friedenssicherung.
In ihrer Freizeit finden auch deutsche Soldaten Zerstreuung in zahlreichen Nachtklubs und Bordellen mit Zwangsprostituierten.
Mit versteckter Kamera besuchen wir den Nachtklub Skenderbeg. Es kommen kaum Freier. Die Soldaten haben nach den Unruhen Ausgangssperre.
Normalerweise jedoch verkehrt hier auch die deutsche Truppe, obwohl es ihr offiziell verboten ist. Denn Frauen werden hier brutal zur Prostitution gezwungen. Das Skenderbeg steht deshalb auf einer roten Liste der UN-Verwaltung .Offenbar ist das keine Abschreckung für deutsche Soldaten.
Der Türsteher des Skenderbeg schildert uns hier den normalen Alltag:
Türsteher: "Bis vor zwei, drei Monaten war hier die Hölle los. Viele deutsche Soldaten amüsierten sich hier mit den Mädchen, auch Soldaten anderer Nationalitäten. 30 Euro eine Stunde, 125 die ganze Nacht."
Seit die internationalen Soldaten als Schutzmacht ins Kosovo einrückten, boomt das Geschäft mit der Zwangsprostitution.
Dr. Monika Hauser, Medico mondiale, Hilfsorganisation für traumatisierte Frauen: "Viele deutsche Soldaten scheinen das Weltbild zu haben, dass es für sie selbstverständlich ist, vor Ort in Bordelle zu gehen, wo zwangsprostituierte Frauen und Mädchen festgehalten werden. Allerdings frage ich mich, wenn es zuträfe, was das Verteidigungsministerium sagt, dass es nämlich das nicht gibt bei deutschen Soldaten, warum dann diese nach ihrer Rückkehr alle einen HIV-Test wollen."
Das Bundesverteidigungsministerium weist all diese Vorwürfe zurück. Sie seien haltlos. Und das, obwohl die ARD schon Ende 2000 aufgedeckt hatte: Auf dem Balkan gehen auch deutsche Soldaten zu Zwangsprostituierten.
Rückblick: In diesem Kinderheim für minderjährige Zwangsprostituierte trafen wir das Mädchen Sesil. Sie wurde hierhin abgeschoben nach einer Razzia in einem Bordell nahe einer deutschen Kaserne.
Die Kunden der damals 15-jährigen, laut ihrer Aussage:
Sesil: "Viele deutsche KFOR-Soldaten. Die haben sich zwar gefürchtet, dass man sie bestraft, wenn sie erwischt werden, aber sie kamen trotzdem alle - auch mit ihren Vorgesetzten. Sie kamen immer wieder, immer häufiger."
Nach dem Bericht im Dezember 2000 kündigte das Verteidigungsministerium rückhaltlose Aufklärung an. Die Zeugin Sesil aber wurde nie befragt. Und so teilte uns das Verteidigungsministerium noch Ende Juni diesen Jahres mit: "Es liegen unverändert keine Erkenntnisse vor, dass deutsche Soldaten in irgendeiner Form an den vorgeworfenen Vorgängen beteiligt waren oder sind."
Dabei sind die Vorwürfe längst aktenkundig. Diese Frau lebt mittlerweile anonym in Deutschland. Sie hat sich nach lange erlittenen Qualen entschlossen, gegen deutsche Soldaten auszusagen. Maria wurde fünf Monate lang in demselben Balkan-Bordell zur Prostitution gezwungen wie Sesil.
Maria: "Die einheimischen Freier waren brutal. Aber die deutschen Soldaten waren okay. Die schlagen dich nicht, die sind anständig. Wir hatten jeden Tag ein bis zwei Soldaten oder zwei bis drei. Die wurden streng kontrolliert. Wenn man sie ertappt hätte, wären sie bestraft worden."
Auch Marias Fall ist aktenkundig. In Dresden hat die Staatsanwaltschaft jahrelang ermittelt. Der Vorwurf: Vergewaltigung und Beihilfe zum schweren Menschenhandel. Akribisch wurde protokolliert, wie sich deutsche Soldaten mit wehrlosen Opfern amüsierten.
Andreas Feron, Staatsanwaltschaft Dresden: "Die Aussage der Zeugin ist als sehr glaubwürdig anzusehen. Ihre Aussage ist von Detailreichtum geprägt."
Mündliche Äußerungen der Zwangsprostituierten und Vernehmungsprotokolle der Soldaten liegen MONITOR vor.
Auszüge:
Soldat (nachgesprochen): "Durch andere Soldaten meiner Einheit wurde ich dann aufgefordert, in unserer Freizeit mit in einen Klub außerhalb von Tetovo zu fahren. Meine Kumpels hatten schon ihre Frauen, die sie von anderen Besuchen kannten. Von ihnen wusste ich, dass eine Stunde mit den Frauen 50 Euro kostet. Das beinhaltet normalen Geschlechtsverkehr mit Kondom und Mundverkehr. Ich hatte noch zwei Flaschen Bier mit aufs Zimmer genommen."
Prostituierte (nachgesprochen): "Er hat gefragt, hast du das schon früher gemacht? Ich hab gesagt nein, hab erzählt von Anfang an wie das war, wie ich gekidnappt und hierher verkauft und verschleppt worden bin. Er war ganz verblüfft und sagte: 'Mensch, das ist ja interessant, wie kann denn so etwas passieren?'"
Soldat (nachgesprochen): "Ich habe zu keinem Zeitpunkt erfahren, dass sie in diesem Klub gefangen gehalten wird. Sie hat mit mir gescherzt und gelacht und war immer gut drauf." Prostituierte (nachgesprochen): "Ich wollte einfach Hilfe haben. Vielleicht wird mir ja einer von den vielen Soldaten, die da waren, helfen. Heute erzähl ich es dem, morgen einem anderen. Vielleicht hilft irgendwann ja einer."
Soldat (nachgesprochen): "Beide sind wir dann duschen gegangen. Danach sind wir ins Zimmer zurück und es kam hier dazu, dass sie mir mit der Hand am Geschlechtsteil manipulierte. Dadurch wurde ich erregt, und es kam zum vollendeten Geschlechtsverkehr."
Prostituierte (nachgesprochen): "Die Soldaten haben mir nicht geholfen. Sie haben mich schon bedauert, natürlich: 'Oh, na ja, du Arme!' Aber was war weiter? Alles nach Plan, Arbeit."
Das ist das Bordellzimmer, in dem Maria zur Prostitution gezwungen wurde. Und das sind die Gitter, die der Soldat nicht gesehen haben will.
Soldat (nachgesprochen): "Ich habe nichts mitbekommen. Ich kann auch nicht sagen, ob an den Fenstern Gitter waren. Darauf hab ich nicht geachtet."
Prostituierte (nachgesprochen): "Natürlich haben sie es bemerkt. Die Soldaten hatten ja Angst, dass sie bei einer Polizeirazzia erwischt werden. Also wenn sie rein gekommen sind, haben sie gleich geschaut, wo kann ich fliehen. Die sind zum Fenster gegangen, haben die Vorhänge beiseite getan und da waren die Gitter."
Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaften mussten Anfang diesen Jahres eingestellt werden. Aussage gegen Aussage. Dem deutschen Soldaten konnte nicht bewiesen werden, dass er erkannte, in welcher Lage Maria war. So blieb er straffrei, aber nicht frei von Verantwortung.
Andreas Feron, Staatsanwaltschaft Dresden: "Das Verhalten des Soldaten ist insoweit sozialethisch zu missbilligen, als dass er ein kleiner Mosaikstein in dem Bereich ist, wo ganz brutal Menschen ausgebeutet werden."
Parteiübergreifend wird jetzt gefordert, die Bestrafung von Freiern ins Menschenhandelsgesetz aufzunehmen. Die CDU-Abgeordnete Granold setzt sich für eine Regelung ein, die auch deutsche Soldaten betreffen würde. Strafbar macht sich danach schon, wer mit Zwangsprostituierten verkehrt und ihre Notlage nicht erkennen will, also "leichtfertig nicht erkennt".
Ute Granold, CDU, Bundestagsabgeordnete: "Wenn ein deutscher Soldat weiß, dass eine Frau hier zwangsweise der Prostitution zugeführt wird, unter größtem Leid, tagaus, tagein, von morgens bis abends, teilweise eine Vielzahl von Männern über sich ergehen lassen muss, wenn unsere deutschen Soldaten das wissen, diese Not wissen und dennoch immer wieder hingehen, dann ist auch hier ein Tatbestand erfüllt, ein Straftatbestand, wenn er denn kommt."
Wird das Menschenhandelsgesetz nicht verschärft, bleibt wohl alles beim Alten, und deutsche Soldaten können weiterhin wie hier im Kosovo ungestraft zu Zwangsprostituierten gehen.
Das Verteidigungsministerium, das bis vor kurzem noch hartnäckig bestritt, überhaupt etwas davon zu wissen, räumt jetzt mindestens ein, die Ermittlungsverfahren gegen deutsche Soldaten zu kennen. Eine Bewertung der Fälle könne allerdings nicht erfolgen wegen laufender Verfahren. Seltsam.
Sind die Verfahren doch schon seit mehreren Monaten abgeschlossen.
Dr. Monika Hauser, Medico mondiale, Hilfsorganisation für traumatisierte Frauen: "Es gibt wirklich eine Mauer des Schweigens, es ist ein komplettes Tabuthema. Und wenn hier nicht endlich Sanktionen ergriffen werden gegen diese Menschenrechtsverletzungen gegen Frauen, ein klarer Verhaltenskodex erstellt wird und Sensibilisierungstrainings für die Männer vor ihren Einsätzen gemacht wird, dann macht sich das Verteidigungsministerium hier weiter schwerer Unterlassungen schuldig."
Interessante Aussagen, nicht wahr?