In dem Beitrag kommt bekommt der Leser folgendes zu lesen:
Sie sprechen vom heiligen Krieg – sie sehen sich als Märtyrer – andere Religionen sind für sie Ketzerei. Klar, denken Sie – es geht um radikale Islamisten. Nein, diesmal nicht. Diesmal geht es um radikale Christen. Mehrere Millionen solch streng gläubiger Fundamentalisten gibt es in den USA. Ihnen verdankt George Bush seine Präsidentschaft. Aber diese christlichen Fanatiker treten nicht nur in Amerika auf– sie wollen die ganze Welt bekehren. Eine ungeahnte Chance dafür hat jetzt ausgerechnet der Irak-Krieg eröffnet. Gleich nach der militärischen Einnahme kamen die Missionare. Und während täglich – auch heute wieder – Menschen sterben – versuchen sie, Muslime zum christlichen Glauben zu bekehren. Meist heimlich – aber mit Erlaubnis der US-Regierung. John Goetz und Volker Steinhoff über den heiligen Krieg von Christen.
Amateuraufnahmen aus Bagdad. Von außen kaum zu erkennen: dies ist eine neue Kirche.
Irakische Christen beim Gottesdienst. Unauffällig dabei: amerikanische Missionare. Die Kirche ist ihr Basislager. Von hier aus wollen sie den Irak bekehren. Tom White hat seine Haare gefärbt.
O-Ton Tom White: (Stimme der Märtyrer) „Wir tarnen uns als Touristen. Ich nehme diese Brille, färbe die Haare schwarz; falscher Bart usw. Im Nachbarzimmer hatten wir tonnenweise christliche Literatur; insgesamt haben wir im Irak Zehntausende solcher bunter Bibeln verteilt, Kinderbibeln, das Leben von Jesus usw. Wir Christen sind permanent in einem heiligen Krieg.“
Der Mann mit den Kinderbibeln ist der Boss einer millionenschweren Organisation mit einem bezeichnenden Titel: „Voice of the Martyrs“ – zu deutsch: „Stimme der Märtyrer.“ "Märtyrer" – so nennt man hier Christen, die im weltweiten Krieg für die religiöse Sache fallen – für "Gottes aggressive Liebe". Dieser Krieg ist eine Materialschlacht: mit Propaganda und Hilfsgütern sollen die Iraker zu Christen bekehrt werden.
O-Ton Todd Nettleton: (Stimme der Märtyrer) „Einige Moslems werden deshalb sehr ärgerlich. Wer sich in einem moslemischen Land zum Christen bekehren lässt, kann deshalb getötet werden.“
Frage PANORAMA: „Also sterben Menschen wegen Ihrer Aktivität?“
Antwort Todd Nettleton: „Ja, unsere Tätigkeit kann für einige den Tod bedeuten, das wissen wir. Aber die Ewigkeit im Himmel zu verbringen statt in der Hölle – das ist doch ein guter Deal! Selbst wenn es vielleicht zu körperlicher Bestrafung hier auf der Erde führt.“
Die „Märtyrer“ sind nicht die einzigen Missionare im Irak. Das Internet ist voll von Propagandavideos. Im Windschatten der amerikanischen Militärs kamen auch die christlichen Fundamentalisten. Denn: was in anderen arabischen Ländern strikt verboten ist, haben die US-Generäle hier erlaubt: die Missionierung. Im Irak stößt der heilige Krieg der Amerikaner auf wenig Verständnis.
O-Ton Scheich Fatih Kaschif Al-Ghita: (Bagdad) "Diese politisch motivierten Missionare schüren Feindseligkeit und Spannungen.“
Im Internet zeigen die radikalen Christen, wie sie, als angebliche Helfer, den Irak zum Christentum bekehren wollen. Doch die Tarnung hilft nur manchmal. Immer wieder werden Missionare getötet, etwa diese radikalen Baptisten. Ihre Organisation, die "Southern Baptist Convention", schickt die meisten Missionare in den Irak.
O-Ton Steve Hardy: (Southern Baptist Convention) „Die Imame haben Angst: Wenn sich das Christentum hier durchsetzt, wird es sich überall im Nahen Osten verbreiten. Im Moment gibt es keinen Ort, der für uns strategisch wichtiger ist als der Irak. Die “Southern Baptist Convention” unterstützt den Krieg von George Bush, und der bedankt sich bei ihnen.“
O-Ton George Bush: (US-Präsident) „Sie repräsentieren über 16 Millionen Baptisten
im ganzen Land, und dazu noch die vielen Missionare fern unserer Heimat. Und alle fühlen sich berufen, das Wort des Herrn zu verbreiten und Gottes Königreich zu verkünden.“
O-Ton Alfred Ross: (Institute for Democracy Studies) „Der Präsident George Bush hat selbst von einem "Kreuzzug" gesprochen. Und es gibt eine wachsende Schar rechter Fundamentalisten in den höchsten Regierungskreisen, die das Ganze als heiligen Krieg gegen den Islam betrachten. Einer davon sitzt hier im Pentagon und koordiniert die Jagd auf Osama Bin Laden: General William Boykin. Wenn er nicht gerade Islamisten jagt, tritt er gern bei den radikalen Baptisten auf.
O-Ton General William Boykin: (Pentagon) „Es geht nicht um Osama Bin Laden – der Feind steht im Reich des Spirituellen.“
Und dann sagt der General noch etwas. Nur auf Tonband dokumentiert. Für einen Moslem eine unglaubliche Provokation: "Mein Gott ist größer als seiner". Und weiter: „Sein Gott ist ein falscher Gott, ein Götze.“
Auch in dieser Baptisten-Kirche hat der oberste Islamistenjäger der Bush-Regierung seine Lehre verbreitet.
O-Ton Jim Dawson: (Baptist Church Broken Arrow) „Unsere Gemeinde war begeistert von General William Boykin. Er hat sein Leben riskiert bei der Armee. Wir lieben unser Militär.“
In der Tat: die Gemeindemitglieder hier denken genauso über den Irak wie der General:
O-Ton Umfrage: „Es ist ein Religionskrieg. Sie hassen nicht uns, sondern unseren Gott. Sie glauben an eine Lüge. Es gab schon viele falsche Götter wie Allah. Aber es bleibt eine Lüge, das haben schon die Propheten gesagt.“
Gottesdienst in Broken Arrow im mittleren Westen. Hunderte sind in diese Baptistenkirche gekommen. In den USA gibt es über 40.000 solcher Kirchen.
Alle diese Kirchen gehören zur "Southern Baptist Convention".
O-Ton Pastor: (Southern Baptist Convention) „Unser Präsident braucht Euch, unser Militär braucht Euch.“
Der Pastor predigt zu einer Gruppe von Missionaren, die heute auf die Reise geschickt werden. Über 5000 davon sind weltweit im Einsatz. Diese Gruppe etwa fährt nach Mexico. Genauso gern würden sie auch in den Irak.
O-Ton Mitglied der „Southern Baptist Convention“: „Ich bin bereit zu sterben. Ich würde auch in den Irak, wenn es den Tod bedeutet.Wir müssen sie besiegen, sie wollen uns töten. Schließlich haben sie 3000 von uns umgebracht. Und dann sollen alle Iraker Christen werden, alle im Nahen Osten. Es ist ein spiritueller Krieg. Wir kämpfen gegen die Mächte der Dunkelheit.“
Nachschub für den Irak. Die Anwerbung neuer Freiwilliger für den heiligen Krieg ist offenbar kein Problem. Über 16 Millionen Amerikaner gehören zur Southern Baptist Convention. Und auch einer, der von ihnen wiedergewählt werden will: der Präsident der USA.
O-Ton George Bush: (US-Präsident) „Die Freiheit ist nicht Amerikas Geschenk an die Welt. Sie ist Gottes Geschenk.“
Gute Zeiten für den Heiligen Krieg. Ab nächster Woche gibt es eine neue Herausforderung – eine irakische Regierung. Dann wird es mit dem Missionieren schwieriger. Doch für die amerikanischen Gotteskrieger ist das bloß neuer Ansporn:
O-Ton Tom White: (Stimme der Märtyrer) "Konflikt gehört zur Natur des Christentums".
O-Ton Scheich Fatih Kaschif Al-Ghita: (Bagdad) „Hier wird Politik mit Religion vermischt. Mich erinnert das sehr an El Kaida.“
Interessante Aussagen, nicht wahr?