MONITOR Nr. 521 am 22. Juli 2004 Thema: Katholischer Fundamentalismus: Pfadfinder auf Abwegen von Georg Restle
In dem Beitrag kommt bekommt der Leser folgendes zu lesen:
Sonia Mikich: "Wenn vom Fundamentalismus die Rede ist, denken wir an islamische Gotteskrieger. Aber auch Fundamentalisten in der katholischen Kirche rüsten zum Kreuzzug gegen die Ungläubigen.
Sie rekrutieren Kinder und Jugendliche - besonders gern durch Freizeitangebote - und unterstützt von Priestern, Ordensleuten und hochrangigen Kirchenmännern im Vatikan.
Eine Schattenkirche, die sich hinter dem harmlosen Namen "Katholische Pfadfinderschaft Europas" verbirgt.
Unsere Spurensuche beginnt im österreichischen St. Pölten in diesen Tagen wegen eines Sex-Skandals in den Schlagzeilen.
St. Pölten ist aber überdies Heimat eines fundamentalistischen Katholizismus.
Da tummeln sich obskure Bewegungen; Sekten mit braunem Anstrich.
Ein Bericht von Georg Restle über ein Netzwerk, das das Licht der Öffentlichkeit scheut."
Der Dom von St. Pölten in Niederösterreich. Das Zentrum des wahren Christentums. Oder zumindest das, was sein ultrakonservativer Oberhirte, Bischof Kurt Krenn, darunter versteht. Zurzeit hat er es mit einem Sex-Skandal in seinem Priesterseminar zu tun.
Bischof Kurt Krenn: "Herr, verzeih' uns, Herr, nimm weg von uns die Schuld."
Wofür steht St. Pölten und sein Bischof eigentlich? Ein Blick hinter die Kirchenmauern. In seiner Diözese beherbergt Kurt Krenn einen Orden, dem die Schlagzeilen äußerst ungelegen kommen, die "Diener Jesu und Mariä", lateinisch kurz SJM. Ein fundamentalistischer Orden, der in Deutschland keine Seelsorge im Namen der Bischöfe betreiben darf.
Riesenbeck im Münsterland. Ein Treffen der "Katholischen Pfadfinderschaft Europas". Hier begegnen wir einem der SJM-Pater. Bis hierher reicht der lange Arm des dubiosen Ordens aus St. Pölten. Die SJM-Pater kümmern sich intensiv um die Glaubensschulung der Pfadfinder. Aber was ist das überhaupt für eine Organisation, die KPE, die "Katholische Pfadfinderschaft Europas"?
Gabriele Harter, KPE Köln: "Es sind katholische Pfadfinder, das Katholische spielt also eine Rolle, ganz klar und zum Zweiten das pfadfinderische Tun, was für mich ganz stark bedeutet, die Entwicklung der ganzen Persönlichkeit eines Kindes mit allen seinen Fähigkeiten."
Ganz normale Pfadfinderwerte also? Für Sebastian Funke und seinen Bruder Tobias war die Zeit in der KPE der reinste Alptraum. Verzicht auf Freunde, kein Fußballspiel, totale Kontrolle. Es zählten nur noch die Lehren der KPE.
Sebastian Funke: "Am Anfang war es halt gut und nachher wurde es immer mit diesem Glauben da, wurde man auch unter Druck gesetzt und dann hatte man auch Angst, wenn man nicht zur Kirche war, dass er's dann heraus kriegt und dann wurde man halt vor den ganzen Leuten halt bloß gestellt."
Glaubensunterricht statt Abenteuerspiele. Und ein Weltbild, das nur noch gut und böse kennt.
Tobias Funke: "Auch einmal hat er uns erzählt, wenn Krieg herrscht kämpfen Teufel und Engel gegeneinander. Teufel ist das Land, wo nicht der Glaube herrscht, wo Gott hat - der richtige Gott ist, also unser Gott - und der Teufel ist, dass die 'nen andern Glauben haben. Einfach zum Beispiel der Buddhismus oder Orthodoxe oder so was."
"Heiliger Krieg" gegen Andersgläubige? Die Eltern nahmen ihre Söhne aus der Gruppe heraus, nachdem der Kleinere immer wieder von Alpträumen geplagt wurde. Die katholisch gläubigen Funkes fühlten sich getäuscht vom Etikett "katholisch" und "Pfadfinderschaft".
Thomas Funke: "Ich habe es persönlich so empfunden, dass dies Pfadfindertum als Lockmittel eingesetzt wird, um die Kinder mehr zu motivieren und auch zu den wöchentlichen Gruppenstunden heran zu locken, um aber dann im Anschluss daran den katholischen Glauben wie ihn die KPE für richtig hält, den Kindern zu vermitteln."
Familie Funke hat noch Glück gehabt. Sabine Cosani hat über die Pfadfinder ihre Schwester an eine KPE-nahe Sekte verloren. Sie warnt heute vor dieser Organisation - und weiß, wovon sie spricht. Sie war selbst Landesfeldmeisterin der "Katholischen Pfadfinderschaft Europas". Der wahre Charakter der KPE, sagt sie heute, sei ihr erst sehr viel später richtig bewusst geworden.
Sabine Cosani, ehem. Landesfeldmeisterin KPE: "Wenn man in der KPE Mitglied ist, kann es einem passieren, dass man in Organisationen rutscht, die sich sagen wir mal am extrem rechten Rand der katholischen Kirche bewegen, die man teilweise auch schon als Sekten bezeichnen muss. Die Folge ist dann, dass man, das ist das Beispiel meiner Schwester, völlig abgeschottet wird von der Umwelt, dass man einer Hörigkeit eines Anführers dieser Gruppierung unterworfen ist, dass man seine Berufsausbildung bzw. sein Studium abbricht, dass man offensichtlich dazu genötigt wird, jegliche Kontakte zu Familie und Freunden abzubrechen. Das sind Dinge, die einem passieren können, und das sind Kennzeichen einer Sekte. Und wenn das sozusagen die Folge einer Mitgliedschaft in der KPE gewesen sein soll, dann ist das natürlich für niemanden zu wünschen, und das macht die KPE extrem gefährlich in meinen Augen."
Fundamentalisten in Pfadfinderuniform. Die Deutsche Bischofskonferenz hat sich gegenüber MONITOR jetzt erstmals ausdrücklich von der KPE distanziert. Diese sei kein "offiziell anerkannter Jugendverband". Und doch finden wir in einigen Kirchen Werbung für die KPE, die deutschlandweit immerhin 2.500 Mitglieder für sich zählt.
Welche Inhalte hat die "Katholische Pfadfinderschaft Europas"? In der offiziellen Mitgliederzeitschrift der KPE geht es zum Beispiel um den "Bestand des deutschen Volkes". Und das ist damit gemeint:
"Man kann nicht daran zweifeln, dass das deutsche Volk in seinem biologisch-ethnischen Bestand und in seiner kulturellen religiösen Identität aufs Schwerste bedroht ist".
Anderswo ist von einer "Studie zur politisch moralischen Grammatik nach Auschwitz" die Rede. Dort fühlt man sich vom "Bannstrahl des Antisemitismus" verfolgt. Was haben solche extremen politische Positionen mit Pfadfindertum zu tun? "
Prof. Hans-Gerd Jaschke, Rechtsextremismus-Experte: "Mir sind bei der Durchsicht der Texte vor allen Dingen drei Sachen aufgefallen. Zum einen, christlicher Fundamentalismus, zum Zweiten, antisemitische Anspielungen und Töne und Ressentiments und zum Dritten völkischer Nationalismus. Man muss deutlich betonen, dass die beiden letzteren Teile, also völkisches Denken und auch natürlich antisemitische Anspielungen deckungsgleich sind mit dem modernen Rechtradikalismus."
Zu diesem rechtsradikalen Gedankengut wollen wir einen Pater des St. Pöltener SJM-Ordens befragen. Anton Bentlage ist einer der obersten Glaubenslehrer der KPE, schreibt selbst Artikel in der umstrittenen Pfadfinder-Zeitschrift.
MONITOR: Warum hat diese Zeitschrift solche Inhalte?
Pater Anton Bentlage, Orden SJM: Dankeschön. Dankeschön. Es ist … eine Sache, erst einmal habe ich schon ausgedrückt, dass es uns hauptsächlich um die KPE geht und da müssen Sie sich vielleicht dann … tja. … Danke."
Zurück in St. Pölten und beim Orden SJM. Nur in diesem Bistum werden, in Messen wie dieser, Mitglieder des Pfadfinderordens SJM zu Priestern geweiht. Die offizielle katholische "Deutsche Pfadfinderschaft St. Georg" hält die enge Verknüpfung des Ordens mit der KPE für sehr gefährlich.
Guido Hügen, Dt. Pfadfinderschaft St. Georg: "Ich nehme die SJM wahr als eine Ordensgemeinschaft, die aus der KPE entwachsen ist, die sehr bewusst sich als Pfadfinderorden der KPE zur Verfügung stellt. Eine Ordensgemeinschaft, die für mich im sehr fundamentalistischen Bereich angesiedelt ist."
Sabine Cosani, ehem. Landesfeldmeisterin KPE: "Man kann sagen, dass die KPE für die Extremen im Rechten Lager der katholischen Kirche angesiedelten religiösen Gruppierungen in gewisser Weise als Rekrutierungsorganisation fungiert."
Den Schutz ihres größten Förderers hat die KPE jetzt verloren. Bischof Krenn wurde vom Papst vorübergehend entmachtet aus Anlass des Sexskandals im Priesterseminar. In dessen Zentrum steht der Subregens des Seminars in St. Pölten, Wolfgang Rothe. Auch er war jahrelang Mitglied und Funktionär der "Katholischen Pfadfinderschaft Europas".
Aber die KPE hat einen noch viel mächtigeren Verbündeten: Joseph Kardinal Ratzinger, Leiter der Römischen Glaubenskongregation im Vatikan. Der wichtigste Glaubenswächter Roms gilt selbst als ultrakonservativ. Erst letztes Jahr hat Ratzinger die Pfadfinderorganisation KPE in einem Schreiben seines Sekretariats ausdrücklich gelobt und "alle Unterstützung" empfohlen.
"Die Jugendarbeit in der KPE ist im Ganzen durchaus positiv einzuschätzen und gibt vielen jungen Menschen eine solide Grundlage für ihren Weg im Leben."
Eine fundamentalistische Jugendorganisation mit rechtsradikalem Einschlag - unterstützt aus dem Vatikan? Für Familie Funke ist dies, gerade wegen ihrer Erfahrungen mit der KPE, nur schwer zu begreifen.
Renate Funke: "Ja, es macht mich wütend, was da so läuft. Und es macht mich wütend, dass so was zugelassen wird. Ja, und deswegen hoffe ich, dass durch Aufklärungsarbeit wirklich zumindest vielen Kindern dieser Weg verbaut wird, dass die halt da nicht rein müssen."
Interessante Aussagen, nicht wahr?