PANORAMA Nr. 625 vom 17.4.2003 Thema: Märtyrer gegen Imperialisten – Wie die arabische Welt den Irak-Krieg erlebt von Jochen Graebert und Anja Reschke
In dem Beitrag kommt bekommt der Leser folgendes zu lesen:
Iraki Freedom – unter diesem Banner zog die Bush-Regierung in den Irak-Krieg. Wir alle waren Augenzeugen – oder glaubten es zu sein. Doch es gibt auch eine andere Sicht – die der Angegriffenen. Zum ersten Mal konnten wir in der westlichen Welt auch Einblicke in diese andere, arabische Wahrnehmung bekommen. Durch den arabischen Nachrichtensender al Dschasira. Übersetzt heißt das: die Insel. Er ist der einzige arabische Kanal, der unabhängig von Regierungen ist. Al Dschasira-Korrespondenten wurden aus vielen Ländern ausgewiesen, weil sie den Mächtigen eben nicht nach dem Mund geredet haben. Auch während des Irak-Kriegs gerieten sie unter Druck von beiden Seiten.
Al Dschasira. Die arabische Stimme im Irakkrieg: Andere Bilder, andere Informationen.
Bagdad, vergangene Woche. Das Büro von al Dschasira brennt – getroffen von US-Bomben. Direkt vor dem Gebäude: Leichen. Al Dschasira zeigt auch sie. Es ist dieser andere Blick auf den Krieg, den die Amerikaner unbedingt verhindern wollten.
Beisetzung eines Kollegen. Der al Dschasira Reporter Tarek Ayhub wurde beim Angriff der Amerikaner getötet. Für seine Kollegen ist Tarek Ayub ein Märtyrer. Doch der Fernsehjournalist war kein religiöser Fanatiker:
O-Ton Aktham Suliman: (al Dschasira-Korrespondent) Das ist es, was man dem Westen die ganze Zeit versucht zu erklären. Für uns ist jeder, der im Krieg fällt, ein Märtyrer. Es sei denn, er ist von der anderen Seite. Für mich ist er ein Märtyrer per se, ein Märtyrer für den Journalismus, nicht für die arabische Sache, sondern ein Märtyrer für den Journalismus, für seinen Beruf.
So erinnert al Dschasira immer wieder an den getöteten Reporter, den Märtyrer. Einer von vielen:
O-Ton Aktham Suliman: (al Dschasira-Korrespondent) Übrigens alle irakischen Zivilisten, die gestorben sind, bezeichnen wir als Märtyrer. Alle sind Märtyrer, ob sie Widerstand geleistet haben oder nicht., das sind Märtyrer. Warum? Wie gesagt, das ist ein Zeichen von Respekt.
Kommentar:
Während westliche Medien den Abschuss einer Rakete live beobachten, zeigen arabische Sender wie al Dschasira, was sie angerichtet hat.
Bilder, die westliche Sender ihren Zuschauern nicht zumuten. Al Dschasira zeigt die Opfer, stumm, ohne Kommentar, minutenlang. So häufig wie amerikanische Medien den Vormarsch ihrer Panzer.
O-Ton Aktham Suliman: (al Dschasira-Korrespondent) Wir achten mehr auf die Opfer – wir zeigen mehr Opfer. Denn das ist was unser Publikum sehen will. Wie leiden die Iraker unter diesem Krieg? Aber wir haben auch gezeigt, wie die Saddam Statue zu Fall gebracht wurde. Wir zeigen das alles auch, aber die Betonung ist nicht wie im Westen, hier toller Sieg, eine Armee aus einem demokratischen Land, aus der Mutter der Demokratie, kam, hat das Volk befreit, das gibt es bei uns nicht, sondern wir zeigen das ist Krieg – und was das bedeutet – bitteschön!
Kommentar:
Krieg bei al Dschasira. Dazu gehört auch, und immer wieder, Palästina.
Jeden Tag, ganz ausführlich, im arabischen Fernsehen. Zwei Kriege – und die Bilder ähneln sich. Für westliche Medien kein Thema:
O-Ton Katajun Amirpur: (Islam-Wissenschaftlerin) Es wird hier viel zu wenig verstanden, wie sehr der israelisch- palästinensische Konflikt das Bewusstsein der Menschen in der arabisch-islamischen Welt prägt. Und deswegen wird auch gerade der Irak-Konflikt vor diesem Hintergrund betrachtet. Man sieht alles immer vor diesem Hintergrund und denkt jetzt, dass es bei diesem Irak-Konflikt zuvorderst darum ging, die Interessen Israels im Nahen Osten durchzusetzen.
O-Ton Aktham Suliman: (al Dschasira-Korrespondent) Ich habe das neulich auch von einer irakischen Kollegin hier in Berlin gehört. Sie war fast am weinen am Telefon, sie hat gesagt, kannst Du Dir vorstellen, dass wir zum zweiten Palästina werden? Wir hier im Irak werden zweites Palästina?
Kommentar:
US-Außenminister Powell hält eine spektakuläre Rede, auf dem Höhepunkt des Irakkrieges. Er droht nun auch Syrien und dem Iran.
Diese Botschaft läuft in allen westlichen Medien.
Die gleiche Rede, auf al Dschasira. Hier empört man sich vor allem darüber, wo Powell die Drohung ausgesprochen hat: Vor dem amerikanisch-israelischen Club AIPEC. In den westlichen Medien wird das kaum erwähnt.
Ganz anders al Dschasira: Fragen an den Korrespondenten in Damaskus, man schaltet in die iranische Hauptstadt Teheran und nach Palästina. Und überall der gleiche Tenor: Israel stecke hinter den US-Plänen im Nahen Osten. Deshalb habe Powell seine Drohung ausgerechnet bei Aipec, vor der israelischen Lobby, ausgesprochen.
O-Ton Katajun Amirpur: (Islam-Wissenschaftlerin) Wenn Powell das gerade vor Aipec sagt, dann geht man davon aus, dass er jetzt wieder dem Drängen der israelischen Lobby nachgegeben habe. Und in Israel waren die Stimmen schon sehr stark, dass man nach Irak sich Syrien und Iran widmen müsse, also als Sicherheitsrisiko ausschalten müsse. Und wenn er das gerade jetzt vor dieser Lobby formuliert, dann wird das in der arabischen-islamischen Welt so wahrgenommen, als habe er dem wieder nachgegeben und werde das auch in Zukunft tun.
Kommentar:
Solche Szenen zeigen arabische Sender ungekürzt, minutenlang. Britische Soldaten kontrollieren einen irakischen Autofahrer. Eine furchtbare Demütigung für den arabischen Mann. Nicht wegen der körperlichen Gewalt, Moslems empören sich über solche Szenen aus ganz anderen Gründen:
O-Ton Katajun Amirpur: (Islam-Wissenschaftlerin) Muslime werfen sich vor Gott in den Staub, sie erniedrigen sich freiwillig vor Gott. Aber sie möchten sich nicht vor einem Briten erniedrigen, der immer noch - Menschen in der arabisch-islamischen Welt haben da ein sehr ausgeprägtes historisches Gedächtnis – der auch immer noch erinnert an die britische Besatzungsmacht. Großbritannien war eine Kolonialmacht im Irak und an genau das denkt man jetzt wieder, wenn man solche Bilder sieht. Und es ist schlicht entwürdigend für einen muslimischen Mann, wenn man ihm seine Kopfbedeckung vom Kopfe reißt.
Kommentar:
Plünderer in Bagdad. Der Krieg endet in Anarchie und Chaos. Bei al Dschasira peitschen Schüsse auf den Straßen, und weit und breit kein US-Soldat in Sicht.
Alle Regierungsgebäude in Bagdad werden restlos geplündert – mit einer Ausnahme: Das Ölministerium. Der einzig sichere Ort – bewacht von einer ganzen Einheit amerikanischer Soldaten.
O-Ton Aktham Suliman: (al Dschasira-Korrespondent) Alle anderen Ministerien durften verbrannt werden, beraubt werden, auch die Häuser, auch die Institute, die Schulen , Universitäten, Krankenhäuser, aber Ölministerium, das ist Tabu, da darf keiner rein und raus – da merkt wann wirklich, welche Götter diese Soldaten anbeten.
Kommentar:
US-Panzer in Bagdad. Da freue sich Präsident Bush, und wenn Bush sich freue, dann freue sich auch Israels Regierungschef Sharon. So kommentiert al Dschasira den historischen Tag.
Saddams neue Kopfbedeckung: Die US-Flagge. Symbol der Befreiung für westliche Zuschauer – viele Araber, auch Saddam-Gegner, empfinden das anders:
O-Ton Aktham Suliman: (al Dschasira-Korrespondent) Auf jeden Fall ist es ein negatives Erlebnis, eine weitere Demütigung für die arabische Seele, ein weiterer Beweis, dass wir machtlos sind, ein weiterer Beweis, wie die Machtverhältnisse auf dieser Erde sind und wo wir wirklich stehen, wo die anderen stehen. Auch wenn man das vielleicht aus Stolzgründen nicht weiter ausspricht – es war eine absolute Niederlage.
Interessante Aussagen, nicht wahr?