PANORAMA Nr. 627 vom 12.6.2003 Thema: Gefälschte Beweise, inszenierte Bilder Die Bilanz der Kriegslügen von: Jochen Graebert, Dietmar Schiffermüller und Ilka Steinhausen
In dem Beitrag kommt bekommt der Leser folgendes zu lesen:
Verschwörungstheorien, falsche Anschuldigungen, Lügen - all das gehört anscheinend zur Politik, im Kleinen wie im Großen. Irgendwie haben wir wohl auch geahnt, dass das mit den Massenvernichtungswaffen von Saddam Hussein nicht so stimmen muss, wie es die Kriegstreiber die ganze Zeit hinstellten. Aber dass dieser von Amerikanern und Briten angeführte Grund für den Irakkrieg so vorgeschoben war, ist dann doch irgendwie erschütternd. Noch nie zuvor ist nach einem Krieg die Wahrheit so schnell ans Licht gekommen. Aber selbst Kriegsgegner auf politischem Feld schweigen, empfehlen uns stattdessen den Blick nach vorne.
Kommentar:
Der Krieg im Irak ist vorbei. Für sie interessiert sich keiner mehr. Wie viele Menschen Opfer der Bomben wurden, werden wir wohl nie erfahren.
Auch die erbittertsten Kriegsgegner sind längst verstummt: Schröder und Chirac. Keine Rede mehr von Beweisen und Lügen, Opfern und Massenvernichtungswaffen. Man braucht sich, den mächtigen US-Präsidenten sowieso, da würden Fragen nur stören.
0-Ton Gerhard Schröder: (Bundeskanzler) "Wir haben uns nicht mit der Zeitgeschichte befasst, sondern wir haben uns befasst mit den Dingen, die in der nächsten Zeit vor uns liegen. Und die
Tatsache, dass alle daran interessiert waren, nicht zurückzublicken, das, denke ich, ist ein wichtiger Erfolg dieses Gipfels. Vielen Dank."
Kommentar:
So schnell geht das. Vergessen der Streit um den Krieg, um die Frage: Warum wurde er eigentlich geführt?
Diese Woche im Irak. Die Amerikaner auf der Suche nach dem Kriegsgrund. 1.400 Spezialisten durchkämmen die Wüste, fahnden nach Massenvernichtungswaffen und gehen immer wieder leer aus.
0-Ton James Conway: (Übersetzung) (Kommandierender US-General) "Wir haben jedes irakische Munitionslager zwischen Kuweit und Bagdad untersucht, aber es ist einfach nichts da. Wir versuchen es ja, aber es ist einfach nichts da."
Kommentar:
Nirgends Beweise für den Kriegsgrund.
0-Ton Kofi Annan: (Übersetzung) (UN-Generalsekretär) "Auch die Inspektoren hatten geheimdienstliche Erkenntnisse zur Verfügung. Wir wissen ja, viel kam dabei nicht heraus. Mehr will ich dazu nicht sagen."
Kommentar:
Fotos als Beweise. Abgehörte Telefonate als Grund für einen Krieg. Der Irak im Visier von US-Außenminister Colin Powell. Februar diesen Jahres - es war sein Tag.
Beweis Nummer 1: Diese irakische Anlage - angeblich eine Chemiewaffenfabrik. Dieser LKW - angeblich ein Dekontaminierungslaster. Die Wahrheit:
0-Ton Jörn Siljeholm: (Übersetzung) (UN-Waffeninspektor) "Der Dekontaminierungslaster ist ein sehr gutes Beispiel für eine widerlegte Aussage. Es war nicht so, dass wir sie nicht gefunden hätten, wir haben sie gefunden. Aber es waren keine Speziallaster, es waren Wassertankwagen."
Kommentar:
Der nächste Beweis: Saddams Atomprogramm. Powell präsentiert diese Aluminiumröhren, angeblich Spezialanfertigungen, angeblich für den Bau von Atomwaffen. Die Wahrheit:
0-Ton Hans Blix: (Übersetzung) (UN-Chefinspektor) "Es gab Streit um die Aluminiumröhren, die angeblich zur Uran-Anreicherung dienen. Das war ja mehr als zweifelhaft. Also, ich war bestürzt über die Qualität der Geheimdienst-Informationen."
Kommentar:
Beweis Nummer 3: Mobile Labore, handgemalt. Angeblich stellt der Irak damit biologische Kampfstoffe her. Die Wahrheit:
0-Ton Jan van Aken: (ausgebildeter UN-Waffeninspektor) "Das war schon im Februar peinlich, als Powell das präsentiert hat, und es ist heute noch viel peinlicher, denn diese selbstgemalten Bilderchen, die Powell dort auf dem Sicherheitsrat präsentiert hat, die hätte mein Sohn genauso malen können am Computer. Und dahinter war ja wirklich gar nichts."
Kommentar:
Zwei Wochen nach Kriegsende werden die Amerikaner erstmals fündig, angeblich bei einer Verkehrskontrolle. Da fallen ihnen, ganz zufällig, zwei mobile Labore in die Hände. Die Wagen - frisch angemalt und strahlend sauber.
0-Ton Jan van Aken: "Die Geschichte, die die Amerikaner da erzählen, ist absolut unglaubwürdig. Niemand kann sich vorstellen, dass dort die Iraker, nachdem schon zwei
Wochen lang das Land unter amerikanischer Kontrolle ist, so was übermalen, und dann an der nächsten Straßensperre festgenommen zu werden - das stinkt von vorne bis hinten. Denn der Druck auf die Amerikaner, jetzt nachträglich einen Kriegsgrund zu produzieren, ist extrem hoch."
0-Ton "Mr. Speaker, the President of the United States."
Kommentar:
Washington, vor dem Krieg. Wie hier im Kongress schwört Bush die Nation bei jeder Gelegenheit auf den Krieg ein. Saddams Massenvernichtungswaffen bedrohen Amerika, so das Credo des Präsidenten. Dafür habe er eindeutige Beweise.
0-Ton George W. Bush: (Übersetzung) (US-Präsident) "Nachrichtendienstliche Erkenntnisse lassen keinen Zweifel zu, dass das irakische Regime einige der tödlichsten Waffen besitzt, die jemals entwickelt wurden."
Kommentar:
Auch mit dieser Kriegsbegründung steht Bush heute als Lügner da. Enttarnt wird er ausgerechnet von seinem treuesten Verbündeten: Vize-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz. Zitat aus dessen
Zeitungsinterview: "Aus bürokratischen Gründen haben wir Massenvernichtungswaffen als Kriegsgrund genannt, weil da jeder zustimmen konnte.
Kommentar:
Nicht nur Bush verdreht die Wahrheit, auch sein Juniorpartner Blair macht aus Geheimdienstberichten Propagandamärchen. Downing Street vor dem Krieg: Journalisten rasen um die Wette, blättern fieberhaft in Papieren. Ein Regierungsdossier über Saddams Massenvernichtungswaffen, soeben verteilt, heiße Ware. Jeder will sie als Erster verkaufen. Im Unterhaus stellt Tony Blair seine Beweise vor und malt eine Schreckensvision an die Wand.
0-Ton Tony Blair: (Übersetzung) (Brit. Premierminister, Labour Partei) "Wir wissen: der Irak hat chemische und biologische Waffen. Er stellt sie nach wie vor her und will sie auch einsetzen. Saddam kann diese Waffen innerhalb von 45 Minuten aktivieren."
Kommentar:
Diese Behauptung in Blair's Dossier stammt von einem einzigen und dazu noch
unzuverlässigen Informanten. Empörung selbst in den eigenen Reihen.
0-Ton Robin Cook: (Übersetzung) (ehem. Kabinettsminister, Labour Partei) "Entscheidend ist: Wir haben keine Waffen gefunden, die Saddam in 45 Minuten einsetzen kann. Diese Information war falsch."
0-Ton Clare Short: (Übersetzung) (ehem. Entwicklungsministerin, Labour Partei) "Die Tatsache, dass der Krieg durch Betrug zu Stande kam, ist eine ganz schwere Anschuldigung."
Kommentar:
Das plumpeste Täuschungsmanöver: ein angebliches Bedrohungsszenario, seitenweise abgeschrieben aus einer 12 Jahre alten Doktorarbeit, die jeder im Internet finden kann. besonders peinlich: Selbst die Tippfehler wurden übernommen.
0-Ton Malcolm Savidge: (Übersetzung) (Abgeordneter Labour Partei) "Die Vorwürfe, dass Parlament und Volk getäuscht und so in den Krieg getrieben wurden, sind schlimmer als die Watergate-Affäre."
Kommentar:
Je näher der Krieg rückt, desto tiefer greift Bush ins Beweisarsenal, diesmal mit einem Killerargument: Der Irak baue Atomwaffen. Bush behauptet, Saddam habe Uran kaufen wollen - im afrikanischen Niger.
0-Ton George W. Bush: (Übersetzung) (US-Präsident) "Die britische Regierung hat herausgefunden, dass Saddam Hussein erst kürzlich versucht hat, große Mengen Uran in Afrika zu kaufen - für sein Atomwaffenprogramm. Bis heute hat er diese Geschäfte nicht wirklich
aufgeklärt."
Kommentar:
Konnte er auch nicht, denn diesen Deal hat es nie gegeben.
Atomenergiebehörde, Wien. Hier lagern im Panzerschrank die Dokumente, die das Urangeschäft Saddams belegen sollen. Doch sie entpuppen sich als plumpe Fälschung. Die Unterschrift des Drahtziehers, des nigerischen Außenministers, ist gefälscht, der Mann schon seit Jahren nicht mehr im Amt.
0-Ton Hans Blix: (Übersetzung) (UN-Chefinspektor) "Als die Internationale Atomenergiebehörde die Dokumente untersuchte, entlarvte sie sie sofort als billige Fälschung. Ich frage mich: Wer fälscht denn so was?"
Kommentar:
Siegesrausch im Golf. Der Präsident auf Truppenbesuch. Wer fragt jetzt noch, wofür da eigentlich gekämpft und getötet wurde. Bush feiert sich und seine Marines für die Beseitigung einer Gefahr, die es offenbar gar nicht gegeben hat.
0-Ton George W. Bush: (Übersetzung) (US-Präsident) "Keine Terrororganisation wird Massenvernichtungswaffen aus dem Irak erhalten, weil das Regime beseitigt ist."
Kommentar:
Beseitigt sind auch die lästigen Fragen. Alle buhlen um den Sieger – auch Gerhard Schröder.
Abmoderation Anja Reschke:
Nun wird im Nachhinein argumentiert, dass der Krieg gut war, weil man ja schließlich den Irak von Diktator Saddam Hussein befreit hätte. Das ist sicher wahr, aber wenn das das alleinige Kriterium sein soll, dann gibt es auch noch viele andere Länder, die unter einem Gewaltherrscher leiden. Doch um die kümmert sich niemand.
Interessante Aussagen, nicht wahr?