PANORAMA Nr. 623 vom 6.3.2003 Thema: Kriegsverbrechen in Afghanistan - Vertuschen Amerikaner Massaker? von Eric Fiedler
In dem Beitrag kommt bekommt der Leser folgendes zu lesen:
Die Amerikaner rüsten für den nächsten Krieg, dabei ist der letzte noch nicht mal richtig abgeschlossen, der Krieg in Afghanistan. Zwar ist in Kabul eine Übergangsregierung eingesetzt, aber im Norden des Landes kann von geordneten Verhältnissen keine Rede sein. Hier wurde auch das Massaker an Taliban-Kämpfern verübt. Mehrere tausend Gefangene erstickt in Containern, erschossen in der Wüste – unter den Augen der Amerikaner. So zumindest lautet der Vorwurf einer Dokumentation, die im Dezember hier in der ARD ausgestrahlt wurde. Die amerikanische Regierung war wütend, streitet bis heute alles ab, bemüht sich aber auch nicht um genauere Untersuchungen. Doch genau die wären dringend erforderlich.
Eric Friedler über ein Kriegsverbrechen, dessen Aufklärung im Sande zu verlaufen droht.
Kommentar:
November 2001, Afghanistan. Amerikanische Spezialtruppen im Einsatz. Sie wollen nicht, dass gefilmt wird, drohen denen, die es tun, mit Gewalt und wüsten Beschimpfungen. Die US-Eliteeinheiten stehen unter einem schlimmen Verdacht: Sie sollen Mitwisser und Mittäter eines Kriegsverbrechens sein.
Hier, in der Wüste von Dasht i Leili in Nord-Afghanistan, liegen viele hunderte Kriegsgefangene, die ermordet wurden. Ehemalige Taliban-Kämpfer, die sich im Vertrauen auf das internationale Kriegsvölkerrecht ergeben hatten. Amerikanische Soldaten sollen zur fraglichen Zeit vor Ort gewesen sein.
Die amerikanische Regierung weist diesen ungeheuerlichen Vorwurf bis heute zurück. Ihre Behauptung: Zum fraglichen Zeitpunkt, also im Winter 2001, seien gar keine amerikanischen Soldaten in der Nähe des Tatortes gewesen.
UN-Flug 414 nach Kabul. Wir begleiten Christa Nickels und Angelika Graf nach Afghanistan. Sie vertreten den Menschenrechtsausschuss des Deutschen Bundestages. Sie wollen die Hintergründe dieses Massakers aufklären, bevor es durch einen nächsten Krieg im Irak in Vergessenheit gerät.
Wir fahren zum Tatort nach Sheberghan, Nord-Afghanistan. Eine gefährliche Gegend, ohne internationale Schutztruppen. Im Gefängnis treffen wir auf über tausend ehemalige Taliban-Kämpfer. Mehrere Tausende Kriegsgefangene kamen nach ihrer Festnahme hier allerdings niemals an. Sie seien in solchen Containern erstickt, sagen Zeugen. Andere seien während des Transportes erschossen worden – im Beisein von US-Soldaten.
Dieser Mann hatte das Kommando: General Rashid Dostum, ein enger Verbündeter der Amerikaner. Zum ersten Mal gibt er jetzt zu, dass seine Soldaten an diesem Massaker beteiligt waren – aus Versehen, wie er meint.
0-Ton Rashid Dostum: (Übersetzung) (stellv. Verteidigungsminister Afghanistan)
“Vor der Gefangennahme wurden mindestens 4.000 Menschen getötet. Beim Gefangenentransport mit Containern in das Gefängnis sind nicht mehr als 200 Leute umgekommen. Mein Personal lügt doch nicht.”
Kommentar:
Fragen nach der Anwesenheit von US-Truppen am Tatort verbittet er sich, möchte sich nicht äußern.
Wir fahren nach Kabul, zum Verteidigungsministerium. Nachfrage bei Atiq ullah Barialei, stellvertretender Verteidigungsminister wie Dostum. Auch er ein General, stolz auf zahlreiche Einsätze mit amerikanischen Truppen. Er hält das Massaker für ein Kriegsverbrechen. Doch bei der Frage, ob amerikanische Eliteeinheiten bei dem Verbrechen anwesend waren, stoppt er das Interview. Eine halbe Stunde später bricht er sein Schweigen.
0-Ton Atiq ullah Barialei: (Übersetzung) (stellv. Verteidigungsminister Afghanistan) “Zu dieser Zeit waren amerikanische Truppen vor Ort. Ich sage es Ihnen ein letztes Mal, hören Sie mir genau zu: Bei allen Geschehnissen waren Amerikaner dabei.”
Kommentar:
Mehr will der Minister nicht sagen, es sei schon genug. Wir fahren durch das nächtliche Kabul zum afghanischen Innenminister. In seinem Amtszimmer Lichtausfall. Interview bei Notbeleuchtung. Um uns herum Militärs. Der Innenminister äußert sich vorsichtig. Er bestätigt zwar, dass dieses Massaker stattgefunden habe, sieht das Verbrechen aber eher als einen Unfall.
0-Ton Taj Muhammad Wardak: (Übersetzung) (Innenminister Afghanistan) “Die Wärter haben die Gefangenen willkürlich in Container gepfercht. Vielleicht haben sie manche erschossen, und vielleicht sind auch Gefangene durch den Luftmangel in den Containern ums Leben gekommen. Dies ist aber nicht absichtlich geschehen, denn da waren ja zahlreiche Amerikaner, die die Situation beobachteten.”
Kommentar:
Kurze Zeit nach diesem Interview tritt Muhammad Wardak als Innenminister ab. Die Hintergründe sind unbekannt. Tatsache aber ist: Er und andere Regierungsvertreter haben erstmals eine Anwesenheit von amerikanischen Elitesoldaten bestätigt.
0-Ton Christa Nickels: (Menschenrechtsausschuss Deutscher Bundestag) “Nach der Rückkehr von dieser Reise steht für mich völlig außer Frage, dass es im fraglichen Zeitraum ein Massaker gegeben hat, und zwar an Gefangenen, die sich ergeben haben, die ihre Waffen abgelegt haben im Vertrauen auf Kriegsvölkerrecht. Die Indizien, die wir schon hatten, haben sich verdichtet, dass hier Special Forces oder eben auch amerikanische Soldaten zum fraglichen Zeitpunkt in der Gegend waren.”
Kommentar:
Der Verdacht also erhärtet, das Problem brisant. Denn nur solche amerikanische Spezialtruppen könnten den Ort des Massenmordes für die notwendigen Ermittlungen sichern und Augenzeugen des Massakers schützen, denn die gibt es.
0-Ton Zeitzeuge: “Einige Taliban waren verwundet, andere waren so schwach, dass sie ohne Bewusstsein waren. Wir brachten sie hierher nach Dasht i Leili, und hier wurden sie auch erschossen.”
Frage: “Als Sie die Gefangenen herbrachten, waren Amerikaner dabei?”
Zeitzeuge: “Ja, sie waren hier.”
Frage: “Hier, in Dasht i Leili?”
Zeitzeuge: “Ja, hier.”
Frage: “Wie viele waren das?”
Zeitzeuge: “Viele, vielleicht 30 oder 40. Sie kamen die ersten beiden Male mit. Bei den letzten beiden Malen habe ich sie nicht gesehen.”
Kommentar:
Mittlerweile wurden bereits zwei der Augenzeugen ermordet, zahlreiche verhaftet und gefoltert, augenscheinlich auf Befehl von General Dostum. Die Vereinten Nationen in Afghanistan sind besorgt.
0-Ton Goran Fejic: (Übersetzung) (UN) “Es gab willkürliche Verhaftungen, ja. Es gibt somit klare Hinweise darauf, dass Truppen unter dem Kommando von General Dostum Misshandlungen an Augenzeugen durchgeführt haben. Sehr wahrscheinlich, weil diese Augenzeugen klare Informationen über die Ereignisse um Dasht i Leili hatten.”
Kommentar:
Dennoch werden die Zeugen nicht geschützt. Doch zumindest eine Hoffnung gab es, bis vor wenigen Tagen: Die UN wollte in diesen Wochen eine umfassende Untersuchung des Massengrabes. Doch dazu wird es offenbar nicht kommen, die Hintergründe des Massakers weiter vertuscht. In Washington treffen wir “Physicians for Human Rights”, die Ärzte-Organisation, die im Auftrage der UN bereits im vergangenen Mai eine erste forensische Untersuchung am Tatort durchgeführt hatte. Schon damals stellte sie fest: Die Leichen sind erstickt, waren der Kleidung nach Taliban. Jetzt sollten sie für die UN wieder nach Dasht i Leili fahren. Dafür bräuchten sie aber Schutz vor Übergriffen.
0-Ton John Heffernan: (Übersetzung) (Physicians for Human Rights) “Wir haben den Eindruck, dass eine Untersuchung nicht stattfinden und die UN sie nicht durchführen wird, solange keine internationale Schutztruppe dafür zur Verfügung steht. Bisher habe ich noch keine Bitte der UN vernommen, den Schutz für dieses spezielle Massengrab zu verstärken. Man könnte annehmen, ein Grund dafür sei, dass sie das gar nicht wollen.”
Kommentar:
Absurd. So kann er, General Dostum, Hauptbeschuldigter für das Massaker, weiter Beweise vernichten. Auch weil offenbar niemand ein Interesse an der Wahrheit hat – 18 Monate nach der angeblichen Befreiung Afghanistans.
Vor einem Monat drehten wir mit einer Amateurkamera diese Aufnahmen. Der Ort des Massenmordes ist ungeschützt. In der sonst flachen Landschaft sehen wir frische Hügel und weitere Anzeichen für Grabungsarbeiten. Die langsame Veränderung eines Tatorts. Gut für die Täter und ihre Unterstützer. Sie wissen: Spätestens bei Kriegsbeginn gegen den Irak redet keiner mehr über die vielen Toten hier in der afghanischen Wüste von Dasht i Leili.
Interessante Aussagen, nicht wahr?