PANORAMA Nr. 622 vom 6.2.2003 Thema: Lügen für den Krieg - Wie Konflikte inszeniert werden von Jochen Graebert, Anja Reschke, und Volker Steinhoff

 

 

 In dem Beitrag kommt bekommt der Leser folgendes zu lesen:

 

Wir wissen es einfach nicht, auch nach Colin Powells Präsentation gestern im UN Sicherheitsrat wissen wir einfach nicht, ob Saddam Hussein nun noch Massenvernichtungswaffen hat oder nicht. Oder ob der Irak nun enge Kontakte zu Al Kaida unterhält oder nicht. Das macht die Sache so schwierig. Unbestritten bleibt, dass es viele und gute Gründe gibt, Saddam Hussein zu misstrauen. Er trickst und täuscht und hält vermutlich auch die Waffeninspektoren zum Narren. Aber reicht das für einen Krieg? Seit Monaten bemühen sich die Amerikaner nun, Beweise zu liefern, warum der Irak jetzt angegriffen werden muss. Aber die sollten schon genau geprüft werden. Denn die Vergangenheit zeigt: Nicht alles, was uns einst als Kriegsanlass präsentiert wurde, war tatsächlich einer.

Jochen Graebert über die Geschichte der Kriegslügen.

 

0-Ton US-Kapitol: “Mr. Speaker, the President of the United States.”

 

Kommentar:

Der große Auftritt des Präsidenten im amerikanischen Kongress, Dienstag vergangener Woche. Umjubelt von den Abgeordneten, schwört Bush die Nation auf Krieg ein, erklärt Saddam zum sadistischen Monster, zum Bösen schlechthin.

 

0-Ton George W. Bush jr.: (Übersetzung) (US-Präsident) “Sie foltern Kinder und zwingen die Eltern zuzusehen. Zeugen berichten von Elektroschocks in Folterkammern, von glühenden Eisen, von abgeschnittenen Zungen und Vergewaltigungen. Wenn das nicht teuflisch ist, dann gibt es keinen Teufel.”

 

Kommentar:

Mitleid und Moral. Bush’s schärfste Waffe in der Propagandaschlacht. Damit wirbt er für den Krieg, ganz wie einst der Vater.

Die Brutkasten-Babys im besetzten Kuwait machen kurz vor dem Golfkrieg Schlagzeilen. Irakische Soldaten sollen sie massenweise und grausam ermordet haben. Präsident Bush sen. Greift die Baby-Morde auf, um Bürger und Soldaten auf den Krieg einzuschwören.

 

0-Ton George Bush, sr.: (Übersetzung) (US-Präsident) “Sie schleudern Brutkasten-Babys wie Brennholz auf den Fußboden.”

 

Kommentar:

Die Zeugin, auf die sich Bush beruft: eine junge Frau aus Kuwait. Ihre Erzählungen schockieren die ganze Welt.

 

0-Ton Nayirah: (Übersetzung) (Zeugin) “Ich habe im Krankenhaus gesehen, wie irakische Soldaten Säuglinge aus den Brutkästen gerissen haben, um sie auf dem kalten Fußboden sterben zu lassen.”

 

Kommentar:

Der Baby-Horror kippt die Anti-Kriegs-Stimmung in den USA. Plötzlich fordern fast alle den Waffengang gegen Saddam Hussein.

 

Acht Wochen später: Bagdad im Bombenhagel. Auch die UNO stimmt dem Krieg zu – nach den Baby-Morden.. Nach dem Krieg dann die ganze Wahrheit: Die Baby-Morde hat es nie gegeben, alles reine Erfindung. Die Oscar-verdächtige Zeugin: in Wahrheit die Tochter des kuwaitischen Botschafters. Die ganze Greuel-Story frei erfunden, hier in Manhatten, von den Werbeprofis der Agentur Hill & Knowlton mit guten Kontakten zur US-Regierung.

 

0-Ton Prof. Wolfgang Vogt: (Konfliktforscher) “Es war eine perfide Inszenierung, ein tiefer Griff in die Manipulationskiste, um einen Krieg zu legitimieren. Um beispielsweise – und das stand an – die Zustimmung des Kongresses für diesen Krieg zu bekommen, die Öffentlichkeit hinter sich zu stellen und klar zu machen: Man kämpft gegen einen Teufel, gegen  unmenschliche Barbaren, die selbst vor solchen Taten angeblich nicht zurückschrecken. Tatsächlich weiß man: Es war ein PR-Trick der perfiden Art.”

 

Kommentar:

Inszenierte Lügen als Kriegsgrund – es gibt viele davon, nicht nur in der Geschichte Amerikas.

 

1. September 39: Die “Schleswig-Holstein” eröffnet das Feuer. Hitler-Deutschland

überfällt Polen, unter dem Vorwand, polnische Soldaten hätten zuvor deutsche Einrichtungen angegriffen.

 

0-Ton Hitler: “Polen hat heute Nacht erstmals auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen.”

 

Kommentar:

Eine plumpe Kriegslüge. Tatsächlich hatten sich SS-Männer als polnische Soldaten verkleidet und einen Angriff auf den deutschen Sender Gleiwitz vorgetäuscht. So begann der Zweite Weltkrieg.

 

0-Ton Prof. Wolfgang Vogt: (Konfliktforscher) “Man muss die Öffentlichkeit mobilisieren, muss sie identifizieren mit der eigenen Politik, und dann bedient man sich aller Manipulationstricks. Da unterscheiden sich Demokratien und Diktaturen in der Sache nicht. Sicherlich von den Motiven her und von den Interessen her und von den Herrschaftsstrukturen, aber in der Sache nutzen sie die Medien im Krieg auf fast identische Art und Weise.”

 

Kommentar:

Amerika 1964. Eine ganze Nation will den Frieden, ganz anders als ihre Regierung. Denn US-Präsident Johnson ist fest entschlossen, Krieg in Vietnam zu führen. Und da kommt ein Zwischenfall im Golf von Tonking sehr gelegen. Am 4. August wird der US-Zerstörer “Maddox” angeblich torpediert, angeblich von einem nordvietnamesischen Torpedoboot. Ein grundloser Angriff, behaupten die Amerikaner. Sie bringen den Fall vor die Vereinten Nationen. Die Stimmung dreht sich, keine Spur mehr von Friedenssehnsucht in Amerika. Und Präsident Johnson hat endlich einen Anlass, Nordvietnam zu bombardieren.

 

0-Ton Lyndon B. Johnson: (US-Präsident) “As I speak to you tonight, our action is now an execution.”

 

Kommentar:

Zum ersten Mal greifen die Amerikaner nun direkt in die Kampfhandlungen ein. So begann der Vietnamkrieg.

 

Sieben Jahre später. Journalisten der amerikanischen New York Times finden heraus: Der Kriegsgrund war eine glatte Propagandalüge. Denn tatsächlich hatten die Amerikaner mit ihren südvietnamesischen Verbündeten zuerst angegriffen.

 

0-Ton Prof. Wolfgang Vogt: (Konfliktforscher) “Zu dem Angriff auf den Zerstörer Maddox gibt es keine Belege, das ist eine höchst zweifelhafte Angelegenheit. Und Johnson brauchte einen solchen Anlass, aus mehreren Gründen. Der wichtigste was: Er brauchte eine  Generalsvollmacht seitens der Kongresses, um freie Hand zu bekommen für Kriegsführung gegen Nordvietnam und die Vietcong. Er musste die amerikanische Öffentlichkeit und die Weltöffentlichkeit auf seine Seite ziehen. Und dazu war ihm dieser Anlass gerade recht."

 

Kommentar:

Die Urlaubsinsel Grenada in der Karibik. Hier baut die linksgerichtete Regierung zusammen mit Kubanern einen Flughafen. Die USA behaupten, es handele sich um einen aus Moskau ferngesteuerten Militärstützpunkt.

 

0-Ton Ronald Reagan (Übersetzung) (US-Präsident, 1983) “Grenada war kein Touristenparadies, sondern eine sowjetisch-kubanische Kolonie, eine Militärbastion, um Terror zu exportieren und um Demokratie zu unterminieren.”

 

Kommentar:

US-Truppen überfallen Grenada. Nach drei Tagen ist die Invasion beendet. Den Beweis, dass es sich bei der Landebahn um eine Militäranlage handelte, bleibt die US-Regierung schuldig. Als angeblichen Beleg kann sie lediglich dieses Satelliten-Foto vorlegen.

 

0-Ton Prof. Wolfgang Vogel: (Konfliktforscher) “Dieser Vorwand, der genannt wurde, war in keiner Weise glaubhaft, weil die Tatsache, dass auf Grenada ein Flughafen ausgebaut worden ist, nicht als Bedrohung gesehen werden kann für Amerika, die Weltmacht Amerika. Im übrigen ist es so, dass dieser Flughafen ja höchst unterschiedlich genutzt werden kann, für zivile wie für militärische Zwecke. Der eigentliche Hintergrund war, man wollte intervenieren, um ein linkes Regime, da etabliert hatte, dort abzuräumen und von der Macht zu vertreiben.”

 

Kommentar:

Im Januar 99, zwei Monate vor Beginn des Kosovokrieges, tauchen diese Leichenbilder auf: 23 tote Albaner liegen dicht nebeneinander, wie nach einem Massaker. Diese Fotos kommen dem damaligen Verteidigungsminister Scharping gerade recht, braucht er doch Belege für Greueltaten der Serben, um den bevorstehenden Krieg zu rechtfertigen. Der Minister zeigt der Presse seine Beweise für einen Massenmord in dem Örtchen Rugovo, angeblich genau geprüft.

 

0-Ton Rudolf Scharping: “Wir haben sehr gut recherchiert und uns Bildmaterial besorgt, das OSZE-Mitarbeiter am Morgen gemacht haben zwischen 7 und 8 Uhr.”

 

Kommentar:

Fernsehbilder dokumentieren diesen Morgen. Tatsächlich, ein OSZE-Mann mit grüner Jacke, Henning Hensch. Ein deutscher Polizeibeamter, erster internationaler Ermittler am Tatort.

 

0-Ton Henning Hensch: “Es war nicht so. Die Leichen haben da zwar gelegen, aber sie sind dort hingebracht worden von den serbischen Sicherheitsbehörden, nachdem die eigentliche Tatortaufnahme – und das hängt wieder zusammen mit diesem Ermittlungsrichter – abgeschlossen war, nachdem beschlossen war: Wir bringen die Leichen jetzt weg.”

 

Kommentar:

Fernsehbilder beweisen es: Zuerst liegen die Leichen verteilt wie nach einem Gefecht. Darunter auch Kämpfer der Albanermiliz UCK. Nach diesen Aufnahmen werden die Leichen zusammengetragen und fotografiert. Und genau dieses Foto ist für Scharping der Beweis für das Massaker.

 

0-Ton Prof. Wolfgang Vogel: (Konfliktforscher) “Es geht um den Krieg der Köpfe und der Herzen, und wer den gewinnt, gewinnt letztlich den Krieg. Das ist insbesondere in Demokratien bedeutsam, wo man abhängig ist von der legitimatorischen Unterstützung durch die eigene Bevölkerung für die Kriegsführung.”

 

Kommentar:

Gestern Abend: Der Irak auf der Anklagebank. Im UNO-Sicherheitsrat präsentieren die USA ihre angeblichen Beweise gegen Saddam Hussein. Die Weltöffentlichkeit sieht Satellitenbilder, Mitschnitte abgehörter Telefonate, Aluminiumrohre. Inszenierung? Wahrheit? Propaganda?

 

 Interessante Aussagen, nicht wahr?