Panorama Nr. XXX 18.07.2002 Thema: Nachtrag zu: Tricksen und Lügen Politiker vertuschen Ausmaß rechter Gewalt (Teil 3) von Thomas Berndt und Andreas Lange
In dem Beitrag kommt bekommt der Leser folgendes zu lesen:
Rechte Gewalt ist in Deutschland anscheinend nicht messbar. In unserer letzten Sendung haben wir darüber berichtet, dass der Verfassungsschutzbericht des Bundes völlig andere Zahlen aufweist als die Statistiken der Länder. So tauchte zum Beispiel ein von Nazis zu Tode getretener Mann aus Sachsen-Anhalt in der Bundesstatistik nicht auf, obwohl uns der Innenminister aus Magdeburg versicherte, im Landesbericht wäre er aufgelistet. Aber jetzt stellt sich heraus, auch in Sachsen-Anhalt wurde geschlampt.
Thomas Berndt und Andreas Lange über die makabere Statistikschieberei um einen Toten.
Kommentar:
Zentralfriedhof Merseburg. Hier liegt einer, der laut Statistik nie gestorben ist: Willy Worg. Er wurde im März 2001 ermordet, von einer Horde Rechtsradikaler regelrecht zertreten. Die Täter betrachteten ihn als asozial und raubten ihm am Ende noch ein paar hundert Mark.
0-Ton Wolfgang Ehm: (Landgericht Halle) “Man kann insoweit sicherlich sagen, dass es ein typisches Opfer rechtsextremer Gewalt ist, insoweit als das Opfer sicherlich zu den sozial schwächeren Mitgliedern der Gesellschaft gehört. Typisch die Brutalität, die Hemmungslosigkeit und Rücksichtslosigkeit, mit der die Angeklagten vorgegangen sind.”
Kommentar:
Im Verfassungsschutzbericht von Otto Schily allerdings – so PANORAMA vor drei Wochen – taucht der Fall nicht auf. Denn für 2001 vermerkt Schily darin: Es gab kein rechtsextremes Tötungsdelikt in Deutschland. Jetzt ist um den Tod um Willy Worg ein bizarrer Streit entbrannt: Ist er nun ein Opfer politisch-motivierter rechter Gewalt oder nicht?
Für den Innenminister von Sachsen-Anhalt schien der Fall ganz klar: Worg gehöre in die Statistik. Und so wunderte er sich über Schilys Rechenwerk in der letzten PANORAMA-Sendung.
0-Ton Klaus Jeziorsky: (Innenminister Sachsen-Anhalt, PANORAMA v. 27.6.2002)
“In der Bundesstatistik taucht er nicht auf. Den Fall hat es gegeben, in unserer Landesstatistik taucht er auf als Tötungsdelikt, mit entsprechend politischem Hintergrund aus der Täterschaft heraus.”
Kommentar:
Überzeugend, aber falsch. Otto Schily war deshalb über dieses Interview empört und stellt klar: Ihm sei der Fall Willy Worg nur als “unpolitische Raubstraftat mit Todesfolge” gemeldet worden, und zwar vom Innenministerium in Sachsen-Anhalt. Und das stimmt, so hat es Minister Jeziorsky inzwischen gegenüber PANORAMA bestätigen lassen, telefonisch. Er habe das Ganze wohl falsch verstanden. Zu einem Interview allerdings war er jetzt nicht mehr bereit.
So also zählt der Mord an Willy Worg nicht für die Landesstatistik und somit auch nicht für den Bund. Für die Angehörigen mehr als zynisch, hatten doch die Täter noch im Gerichtssaal mit ihrer braunen Gesinnung stolz geprahlt.
0-Ton Steffi Drews: (Schwester des Opfers) “Die Richterin hat dann gefragt, ob er sich irgendwie Gedanken gemacht hat bei der Untersuchungshaft. Da hat er drauf gesagt: Ja, ich hab‘ mir Gedanken gemacht, und ich hab‘ mir ein Hakenkreuz tätowieren lassen, auf dem Bauch.”
Interessante Aussagen, nicht wahr?