|
|
"Möge Allah dieses Paar behüten! Nach Lot ist Uthman der erste Mann, der mit
seiner Frau das bequeme häusliche Leben Allahs wegen aufgibt."
So sprach der Prophet (Friede sei mit ihm), als sein Schwiegersohn Uthman von
Mekka nach Abessinien aufbrach, um der Verfolgung durch die Mekkaner
zu entgehen.
Uthman war etwa sechs Jahre jünger als der Prophet, Allahs Segen und Friede auf
ihm. Sein Vater hieß 'Affan, seine Mutter 'Arwa. Seine Großmutter war eine
Tochter 'Abdulmuttalibs und somit eine Tante des Propheten. Uthman gehörte zu den
Banu Umayya, einem Zweig des Stammes der Qurais. Banu Umayya waren den Banu
Hasim ebenbürtig. Die Fahne der Qurais war in ihrer Obhut.
Der heranwachsende Uthman wurde Tuchhändler. Sein Geschäft wuchs rasch, und er
wurde einer der angesehensten Kaufleute der Stadt. Oft kam er geschäftlich nach
Syrien. Das blühende Geschäft brachte ihm Reichtum und Ansehen. Uthman war ein
äußerst gutherziger Mann, für den der Reichtum ein Mittel war, anderen zu
helfen. Wenn irgendwo mit Geld Not beseitigt werden konnte, war Uthman immer zur
Hilfe bereit.
Uthman nimmt den Islam an
Abu Bakr war es, der Uthman für den Islam gewann. Sie waren gute Freunde. Der
Prophet(Friede sei mit ihm) gehörte zu den Banu Hasim, Uthman zu
den Banu Umayya. Zwischen beiden Stämmen bestand eine alte Rivalität. Das
hinderte Uthman jedoch nicht, den Glauben
Muhammads anzunehmen, sobald er von der Botschaft des Islam erfuhr. Er war einer
der ersten Muslime. Der Prophet(Friede sei mit ihm) gab ihm seine
Tochter Ruqayya zur Frau.
Sein Übertritt zum Islam brachte Uthman Konflikte mit seinen Verwandten. Sein
Onkel Al-Hakam fesselte ihn sogar an Händen und Füßen und sperrte ihn in einen
dunklen Raum. Aber Uthman nahm mit Freuden alle Misshandlungen auf sich und
weigerte sich, den Islam aufzugeben.
Die Qurais, die Uthman einst liebten, wurden jetzt seine Feinde. Selbst seine
eigenen Verwandten wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben. Das machte ihn
unglücklich. Er ging zum Propheten (Friede sei mit ihm) und erhielt
auf seine Bitte hin die Erlaubnis, nach Abessinien auszuwandern. Er war der
erste Muslim, der dorthin aufbrach. Mit seiner Frau überquerte er das Rote Meer
und suchte Zuflucht in Abessinien. Die beiden waren die ersten, die ihr Haus und
all ihren Besitz um Allahs willen aufgaben. Als die Muslime von Mekka nach
AI-Madina auswanderten, kam auch Uthman mit seiner Frau dorthin und ließ sich in
dieser Stadt nieder.
Verbundenheit mit dem Propheten
Uthman (r) nahm sich den Tod seiner Frau sehr zu Herzen. Er war aber auch deshalb
traurig, weil er nun nicht mehr die Ehre hatte, der Schwiegersohn des Propheten
(Friede sei mit ihm) zu sein. Als der Prophet das bemerkte, gab er
ihm seine zweite Tochter Umm Kultum zur Frau. Dies war eine besondere Ehre und
brachte Uthman den Namen "Du-n-Nurain" (= Besitzer von zwei Lichtern) ein.
Im sechsten Jahr nach der Hidschra wurde der Vertrag von AI-Hudaibiya
unterzeichnet. Uthman spielte eine wichtige Rolle bei diesen
Friedensverhandlungen.
Er war es, der vom Propheten (Friede sei mit ihm) ausgesandt wurde,
um Kontakt mit den Qurais aufzunehmen. Diese hatten nichts dagegen, wenn Uthman
die Kaaba allein besuchte; aber sie wollten nicht, dass der Gesandte Allahs
Mekka betrete. Uthman (r) erklärte:
"Es ist undenkbar, dass ich einwillige, ein Vorrecht vor dem Propheten zu haben.
Wenn er das Haus Allahs nicht besuchen kann, dann will ich es auch nicht tun."
Uthmans feste Haltung zwang schließlich die Qurais, nachzugeben.
Währenddessen verbreitete sich das Gerücht, dass Uthman von den Qurais getötet
worden sei. Die Nachricht erschütterte den Propheten so sehr, dass er sich
entschloss, den Tod Uthmans zu rächen. Er stellte sich unter einen Baum und ließ
sich von seinen Anhängern in die Hand versprechen:
"Ich will bis zum Tode um Uthmans willen kämpfen."
In solch hohem Ansehen stand Uthman beim Propheten, Allahs Segen und Friede auf
ihm! Das Gerücht erwies sich jedoch als unwahr, und Uthman (r) kam unversehrt
zurück. Als die muslimischen Auswanderer nach Al-Madina kamen, hatten sie am
Anfang große Schwierigkeiten, Trinkwasser zu bekommen. Es gab zwar einen
Brunnen, aber der gehörte einem Juden. Er wollte den Auswanderern nicht
erlauben, Wasser daraus zu schöpfen. Da sagte der Prophet, Allahs Segen und
Friede auf ihm:
"Wer kauft diesen Brunnen für die Muslime? Allah wird ihn mit einem Quell im
Paradies belohnen."
Da kaufte Uthman den Brunnen für 20.000 Dirham und übergab ihn den Muslimen zur
freien Benutzung.
Als dann die Muslime zahlreicher wurden, war die Moschee des Propheten (Friede
sei mit ihm) zu klein für sie. Der Prophet fragte:
"Wer gibt Geld für die Erweiterung der Moschee?"
Wieder war es Uthman, der half. Er kaufte das angrenzende Grundstück für die
Erweiterung hinzu.
Im Jahre 9 n.H. erreichten den Propheten Berichte, dass der Kaiser von Byzanz
Vorbereitungen für den Kampf gegen Al-Madina treffe. Das beunruhigte die Muslime
sehr, und der Prophet (Friede sei mit ihm) begann, Gegenmaßnahmen
zu treffen, und rief das Volk zu Spenden auf. Uthman gab 1000 Kamele, 50 Pferde
und 1000 Goldstücke. Der Prophet betrachtete das aufgehäufte Gold und erklärte:
"Was Uthman von nun an auch tut, es wird ihm keinen Schaden bringen."
Uthman (r) war einer der Schreiber des Propheten, Allahs Segen und Friede auf
ihm. Er war also einer der Männer, die Teile des Qur'an niederschrieben, sobald
sie dem Propheten offenbart wurden. Er war auch einer der zehn Sahaba, von denen
der Prophet sagte, dass ihnen das Paradies sicher sei.
Durch seine Verbundenheit mit dem Propheten (Friede sei mit ihm)
nahm Uthman eine hohe Stellung unter den Sahaba ein, und er wurde später einer
der Ratgeber von Abu Bakr und 'Umar während ihres Kalifats.
Uthmans Wahl zum Kalifen
'Umar (r) hatte sechs Männer benannt, die aus ihrer Mitte den Kalifen wählen
sollten, und zwar Ali Ibn Abu Talib, 'Uthman Ibn 'Affan, 'Adurrahman Ibn 'Auf,
Sa'd Ibn Abi Waqqas, Az-Zubair Ibn al-'Awwam und Talha Ibn 'Ubaidulläh.
Nach 'Umars Willen mussten sie innerhalb von drei Tagen nach seinem Tode die
Wahl getroffen haben. Die Männer kamen zusammen, wie 'Umar (r) es angeordnet
hatte. Talha (r) konnte an der Zusammenkunft jedoch nicht teilnehmen, weil er
für einige Tage Al-Madina verlassen hatte.
Die Sitzung dauerte lange; denn man kam zu keiner Einigung. Da sagte 'Abdurrahman
Ibn 'Auf (r):
"Wenn einer zurücktritt, soll er das Recht haben, den Kalifen zu ernennen. Wer
verzichtet?"
Alle blieben stumm. Darauf sagte er:
"Ich verzichte."
Außer Ali waren alle mit 'Abdurrahmans Entscheidung einverstanden. 'Abdurrahman
fragte Ali, was er dazu zu sagen habe. Ali erwiderte:
"Versprich, gerecht zu sein. Versprich, nicht mit Rücksicht auf Verwandtschaft
parteiisch zu sein. Versprich, dass dir nur das Wohlergehen des Volkes wichtig
ist. Wenn du das versprichst, will auch ich deinem Vorschlag zustimmen."
'Abdurrahman versprach dies alles. Nun fiel ihm die Wahl des Kalifen zu. 'Abdurrahman
war sich der schweren Verantwortung bewusst, die er auf sich geladen hatte. Auf
die Nachricht von 'Umars Tod waren von allen Teilen des Reiches die Vertreter
der öffentlichen Meinung nach Al-Madina geeilt. 'Abdurrahman ging nun zu jedem
von ihnen und führte lange Gespräche. Die Banu Hasim waren für Ali, alle
anderen gaben 'Uthman den Vorzug. Die anderen Kandidaten kamen für sie nicht in
Frage.
'Abdurrahman sprach nun mit den beiden zur Wahl stehenden Kandidaten.
"Wen hältst du für die am meisten geeignete Person nach dir?" fragte er Ali.
'"Uthman", lautete die Antwort.
Er stellte 'Uthman dieselbe Frage, und dieser nannte Ali.
Schließlich kam die dritte Nacht, und am Morgen sollte 'Abdurrahman seine
Entscheidung bekannt geben. Die ganze Nacht über führte er lange Gespräche mit
den anderen vier. Er machte eine letzte Anstrengung, um eine einstimmige
Entscheidung herbeizuführen. Aber er erreichte sie nicht; denn die
Meinungsverschiedenheiten zwischen den Banu Hasim und den Banu Umayya konnten
nicht beigelegt werden. Schließlich wurden diese Gespräche durch den Ruf zum
Morgengebet beendet.
Nach dem Gebet wartete das Volk mit gespannter Aufmerksamkeit darauf, was 'Abdurrahman
zu sagen hätte. Er stand auf, betete einige Minuten und bat Allah, seine
Gedanken zu lenken. Dann sagte er zum Volk:
"O Leute, ich habe über diese Sache nach bestem Können nachgedacht und mit
verschiedenen Leuten darüber gesprochen und ihre Meinung angehört. Ich hoffe,
dass ihr mit meiner Entscheidung einverstanden seid."
Dann rief 'Abdurrahman Uthman und sagte zu ihm: "Versprich, dass du nach den
Geboten des Qur'an und der Sunna des Propheten und seiner beiden Kalifen handeln
wirst!"
"Ich verspreche, es nach bestem Können und Wissen zu tun", erklärte
Uthman.
Dann gelobte 'Abdurrahman Ibn 'Auf ihm die Treue. Alle Anwesenden folgten seinem
Beispiel, auch Ali. So wurde Uthman der dritte Kalif des Islam.
Die erste Ansprache
Nach dem Treuegelöbnis stand Uthman (r) auf, um zur Versammlung zu sprechen, und
alle waren begierig zu hören, was der neue Kalif zu sagen hätte. Die Last der
neuen Verantwortung aber ließ Uthman erzittern, so dass er nur sagen konnte:
"Es ist nicht leicht, ein neues Pferd zu reiten. Ich werde, so Allah will, an
anderen Tagen Gelegenheit haben, zu euch zu sprechen. Aber ihr wisst, dass ich
kein guter Redner bin."
Der erste Rechtsfall
Am Abend vor dem Attentat auf 'Umar (r) hatte 'Abdurrahman, der Sohn Abu Bakrs,
gesehen, dass Abu Lu'lu'a bei Hurmuzan und Dschafina stand und dass sie
miteinander flüsterten. Als 'Abdurrahman vorbeiging, erschraken sie, und ein
zweischneidiger Dolch fiel zu Boden. Nach dem Tode seines Vaters prüfte 'Ubaidullah
den Dolch des Mörders Er entsprach genau der von 'Abdurrahman gegebenen
Beschreibung. 'Ubaidullah, der sicher war, dass Abu Lu'lu'a nicht allein für den
Mord verantwortlich war, tötete in einem Wutanfall die beiden anderen, die er an
dem Komplott beteiligt wähnte.
Der Fall wurde Uthman (r) vorgelegt, der ihn mit den führenden Sahaba besprach.
Ali
sagte, dass die Zeugenaussage eines einzigen Mannes nicht ausreiche, um Hurmuzan
und Dschafina für schuldig zu erklären. Daher schlug er die Todesstrafe für 'Ubaidullah
vor. Die übrigen Sahaba waren anderer Meinung.
Uthman (r) fand einen Ausweg: Er zahlte selbst das Blutgeld für die beiden
Perser. Da sie keine Verwandten hatten, stand dem Kalifen das Recht zu,
stellvertretend für diese zu handeln, und mit dieser Entscheidung waren alle
einverstanden.
Die erste Anweisung
Sa'd Ibn Abi Waqqas (r), der Statthalter von Al-Kufa, nahm ein Darlehen aus der
Staatskasse und versäumte, es rechtzeitig zurückzugeben. Der Schatzmeister
'Abdullah Ibn Mas'ud (r) berichtete dies dem Kalifen, und daraufhin entließ
Uthman (r) Sa'd. Dies geschah im Jahre 26 n.H.
Erweiterung der Reiches
Eine tapfere Frau
Auch Armenien hatte sich aufgelehnt. Deshalb beauftragte Uthman (r) Salman Ibn
Rabi'a und Habib Ibn Muslima mit der Wiedereroberung dieser Provinz.
Habib, der seine Frau auf den Feldzug mitgenommen hatte, erfuhr eines Tages,
dass der Befehlshaber des armenischen Heeres einen Angriff vorbereite.
Da Habib nicht genug Truppen hatte, entschloss er sich zu einem nächtlichen
Vorstoß, ehe der Feind losschlagen konnte. Seine Frau sah, wie er eines Abends
die Waffen anlegte, und fragte ihn, warum er das zu so später Stunde tue.
"Mein Ziel ist heute Nacht das Zelt des armenischen Heeresführers oder der
Garten des Paradieses", antwortete er. Da hatte seine Frau plötzlich einen
Einfall und sagte sich: "Warum soll ich eigentlich diese Ehre nicht mit meinem
Mann teilen?"
Sobald er gegangen war, eilte auch sie zum feindlichen Lager. Mitten in der
Nacht führte Habib seinen Handstreich aus; die Feinde wurden völlig überrascht.
Nachdem Habib die armenischen Wachen getötet hatte, erreichte er das Zelt des
Befehlshabers - wo seine Frau, gekleidet und bewaffnet wie ein Soldat, schon auf
ihn wartete. Zusammen überfielen sie den Befehlshaber und töteten ihn.
Der nordafrikanische Feldzug
'Amr Ibn AI-'As war der erste muslimische Statthalter Ägyptens und blieb es eine
Zeitlang unter Uthman (r).
Im Jahre 25 n.H. wurde er durch 'Abdullah Ibn Sara ersetzt. Bald darauf brach in
Alexandrien ein Aufstand aus, der von Byzanz unterstützt wurde. Da sandte Uthman
wieder 'Amr Ibn Al-'As nach Ägypten, der den Aufstand niederwarf; danach wurde
'Abdullah jedoch wieder Statthalter.
Im Jahre 26 n.H. erhielt der Gouverneur von Ägypten vom Kalifen den Befehl,
weiter in Nordafrika vorzudringen. Zu 'Umars Zeit hatte 'Amr Ihn Al-'As das
damalige Libyen erobert, und 'Abdullah Ibn Sara sollte nun nach Tripolitanien
vordringen. Der Kalif sandte auch ein Heer aus Al-Madina zur Verstärkung. Diesem
Heer gehörten einige der besten Männer Al-Madinas an wie Ibn 'Abbas, Ibn 'Umar,
Ibn Ga'far, Ibn Az-Zubair, Al-Hasan und Al-Husain, Allahs Friede auf ihnen
allen. Denn der Kalif wollte ganz sicher gehen, dass der nordafrikanische
Feldzug ein Erfolg würde.
Der Aufstand in Alexandrien hatte gezeigt, dass es notwendig war, ganz
Nordafrika zu besetzen: Byzantinische Militärbasen in Nordafrika waren eine
ständige Bedrohung für die Sicherheit Ägyptens, und der Kalif entschied sich,
diese Gefahr zu beseitigen. 'Abdullah Ibn Sara verteilte seine Streitmacht über
Tripolitanien. Von diesen Militärstützpunkten aus wollte er die Byzantiner
bekämpfen.
Nahe der Stadt Al-Ya'quba fand er seinen Weg durch ein mächtiges Heer von mehr
als 120.000 Mann versperrt, während das islamische Heer viel kleiner war.
Die Schlacht begann; sie dauerte einige Tage ohne einen klaren Vorteil für eine
der beiden Seiten. Den Kern der byzantinischen Streitmacht bildeten die Berber,
und sie waren furchtlose Kämpfer. Einige Tage lang schien der Ausgang der
Schlacht ungewiss. Da fasste der byzantinische Befehlshaber einen schlauen Plan:
Er versprach demjenigen eine hohe Belohnung, der 'Abdullah den Kopf abschlagen
würde. Die Belohnung bestand aus 100.000 Goldstücken und der Hand seiner eigenen
schönen Tochter.
Diese Ankündigung ließ 'Abdullah Ibn Sara auf der Hut sein, und er verbrachte
die meiste Zeit in seinem Zelt. 'Abdullah Ibn Az-Zubair bemerkte dies und gab im
islamischen Heer eine ähnliche Bekanntmachung heraus: Wer den Kopf des
byzantinischen Befehlshabers abschlagen würde, sollte 100.000 Goldstücke
erhalten. Kurz darauf wurde der byzantinische Befehlshaber getötet. Sein Heer
floh, und der Sieg der Muslime war vollständig.
Nun begann die Suche nach dem Mann, der den byzantinischen Befehlshaber getötet
hatte; es meldete sich jedoch niemand, um die Belohnung in Empfang zu nehmen.
Schließlich erkannte die Tochter des byzantinischen Befehlshabers selbst den
Mann, der ihren Vater erschlagen hatte: Es war kein anderer als 'Abdullah Ibn
Az-Zubair. Dieser Sieg über die Byzantiner machte den Weg frei für den späteren
Vormarsch der Muslime in Nordafrika.
Die erste Seeschlacht
Die Muslime waren auf den Angriff vorbereitet: Mu'awiyas Flotte stach von Syrien
aus in See, und 'Abdullah Ibn Sara, der Statthalter von Ägypten, ließ seine
Flotte ebenfalls auslaufen. Beide Flotten segelten auf hoher See, bis der Feind
gesichtet wurde. Nun begann eine schreckliche Seeschlacht. Für die Muslime war
es das erste Seegefecht, aber es fiel ihnen nicht schwer, ihre Überlegenheit zu
beweisen. Unmengen von toten Byzantinern lagen bald im Meer, das sich vom Blut
rot färbte. Die byzantinische Flotte wurde kampfunfähig gemacht, die
übriggebliebenen Schiffe brachten die Flüchtlinge nach Sizilien. Die islamische
Flotte aber kehrte siegreich heim.
Auf diese bedeutungsvolle Schlacht gründete sich die islamische Seemacht. Sie
sollte den Arabern die unbestrittene Herrschaft über die Meere für viele
Jahrhunderte bringen. Erst zu Beginn des 9. Jahrhunderts n.H. verloren sie ihre
Macht zur See, und damit begann der Verfall der islamischen Vorherrschaft in der
Welt.
Unruhen in Persien
Im Jahre 30 n.H. rückte der Gouverneur von Al-Kufa mit einer großen Streitmacht
nach Tabristan vor, das er eroberte, und im Jahr darauf wurde ein Aufstand in
Khurasan niedergeschlagen.
Im Jahr 31 n.H. wurde auch der frühere Herrscher Persiens, Yezdegerd, getötet.
Er hatte zwar sein Reich, aber nicht seine Hoffnung verloren. Er war von Ort zu
Ort gezogen, hatte Unruhe in den Grenzbezirken gestiftet und verursachte die
meisten Aufstände in Persien.
Seine letzte Unternehmung war ein Überfall auf Sistan. Mit Hilfe einiger
Hauptleute von Turkestan fiel er dort ein. Er wurde jedoch völlig besiegt und
floh, um sein Leben zu retten. In einer Wassermühle fand er schließlich
Zuflucht. Er war allein, und der Müller erkannte ihn nicht; aber die reiche
Kleidung und die Juwelen reizten den Müller so sehr, dass er den elenden Kaiser
tötete und seinen Leichnam in den Fluss warf. So endete das wechselhafte
Schicksal des letzten persischen Kaisers. Mit dem Tod Yezdegerds hörten auch die
ständigen Unruhen in Persien auf.
Der Aufruhr
Uthman (r) war ein sehr gütiger und weichherziger Mann. Oft sah er über die
Fehler anderer hinweg, aber dadurch wurden die Statthalter in den Provinzen und
andere Offiziere übermütig. 'Umars feste Hand hatte sie daran gehindert, die
Sitten und Gebräuche der Höfe von Persien und Byzanz zu übernehmen. Uthmans Hand
erwies sich jedoch als zu weich für diese Aufgabe. Das Ergebnis war Unruhe in
den Hauptstädten der Provinzen. Sie wuchs, bis sie sich über die ganze
islamische Welt ausbreitete. Zudem war Uthman (r) schon ein alter Mann, als er
das Kalifat übernahm. Schlaue Leute zogen Vorteil aus seiner weichherzigen
Führung der Staatsgeschäfte.
Abdullah Ibn Sebe
Abdullah Ibn Saba', ein schlauer Jude aus dem Yemen, spielte eine führende Rolle
in diesem Drama. Während Uthmans Kalifat kam er nach Al-Madina und wurde dem
Augenschein nach ein frommer Muslim, hegte aber andere Absichten. Er blieb
einige Monate in Al-Madina, um die Verhältnisse kennenzulernen. Dabei fand er
heraus, dass die Banu Hasim das Kalifat als ihr natürliches Recht betrachteten:
Sie meinten, dass Ali und nicht Uthman Kalif hätte sein sollen. 'Abdullah Ibn
Saba' wollte aus dieser Lage einen Vorteil für sich herausschlagen.
Mit großem Geschick ging er ans Werk. Er ging von der "Liebe zum Propheten und
seinen Verwandten" aus und spann eine kluge Geschichte.
"Jeder Prophet", sagte er, "hinterlässt einen Wasi. Dieser Wasi muss ein naher
Verwandter des Propheten sein. Aaron war der Wasi von Moses. So muss auch der
Prophet einen Wasi haben, der seine Mission fortführt. Muhammad war der letzte
Prophet. So war auch Ali der letzte Wasi. Als Wasi ist Ali der einzig
rechtmäßige Kalif. Uthman muss daher das Kalifat abgeben."
|
|
'Abdullah Ibn Saba' verbreitete seine Ansichten zuerst heimlich. Er suchte
wichtige Städte des Reiches auf und gründete in jeder Stadt einen Geheimbund.
Dafür wählte er Männer aus, die gern auf ihn hörten. Das waren hauptsächlich
Leute, die irgendeine wirkliche oder eingebildete Klage gegen die Führung
vorbrachten. Es war leicht, ihnen einzureden, dass der Kalif die Ursache allen
Übels sei.
Als das Netz der Geheimbünde das ganze Reich überzog, errichtete 'Abdullah Ibn
Saba' sein Hauptquartier in Ägypten.
Die Geheimbünde nahmen rasch an Stärke zu. Dazu benutzten sie die folgende
Methode:
- Ihre Mitglieder stellten ihre Frömmigkeit öffentlich zur Schau. Sie gaben sich
als Menschen aus, die das Beste für das Volk wollten.
- Sie erfanden Beschwerden gegen Uthman (r) und seine Befehlshaber. Einige dieser
Klagen waren ohne Zweifel berechtigt, aber darunter mischten sie Dinge, die gar
nicht existierten.
- Eine planmäßige Hetze wurde gegen alle Befehlshaber betrieben. Sie wurden als
unreligiös und unfähig bezeichnet.
- Gefälschte Briefe wurden von Stadt zu Stadt gesandt. Diese Briefe sprachen von
Ungerechtigkeit und Unruhe in der Stadt ihres Ursprungs. Die Sabaiten, wie die
Anhänger Ibn Saba's genannt werden, lasen diese Briefe so vielen Menschen wie
möglich vor. So wurden auch Briefe gefälscht, die zeigen sollten, dass Ali,
Talha, Az-Zubair und andere bekannte Sahaba des Propheten (Friede sei mit ihm) mit der Bewegung sympathisierten. Dies ließ die Leute glauben,
dass die Unruhe weit verbreitet sei und dass die führenden Sahaba den Kalifen
absetzen wollten.
Unruhe in den Provinzen
Einige Tage danach musste sich Abu Musa an die Front begeben und ritt dabei auf
einem Pferd. Dies verursachte nun einen Aufruhr gegen ihn.
"Schaut den Statthalter an!" ging es durch die Menge. "Er spricht anders als er
handelt. Warum reitet er in die Schlacht? Warum geht er nicht zu Fuß, damit ihn
Allah mehr belohne?" Die Agenten Ibn Saba's spielten mit den Gefühlen des
Volkes. Sie trieben es so weit, dass die Leute wirklich wütend auf Abu Musa
wurden. Eine Abordnung begab sich nach Al-Madina, und der Kalif sah sich
gezwungen, Abu Musa zu entlassen.
Neuer Statthalter in Al-Basra wurde 'Abdullah Ibn 'Amir. Auch gegen ihn hetzten
die Sabaiten.
"Er ist ein unerfahrener, junger Mann", sagten sie, "und sogar noch ein
Verwandter des Kalifen! Uthman besetzt alle Schlüsselstellungen mit seinen
Verwandten."
Al Kufa in der Gewalt von Straßenbanden
Sa'd wurde durch Al-Walid Ibn 'Uqba ersetzt, der ein energischer Mann war. Er
ergriff unverzüglich Maßnahmen gegen Unruhestifter. Eines Nachts drangen einige
von ihnen in ein fremdes Haus ein. Sie nahmen dem Besitzer all sein Geld und
töteten ihn. Alle wurden eingesperrt und zum Tode verurteilt.
Der Tod dieser Bande erzürnte die Sabaiten. Ein strenger Mann wie Al-Walid Ibn 'Uqba
konnte ihnen wirklich gefährlich werden. Deshalb brachten sie eine falsche Klage
gegen ihn vor und behaupteten, er sei ein Trinker. Eine Abordnung machte sich
nach AI-Madina auf. Zwei Männer bezeugten vor dem Kalifen und seinen Ratgebern,
dass sie gesehen hätten, wie ihr Gouverneur Wein getrunken habe. Das Urteil, das
Ali bekanntgab, lautete auf schuldig. Daraufhin entließ Uthman den Gouverneur.
Al-Walid wurde durch Sa'd Ibn AI-'As ersetzt, und dieser neue Gouverneur empfing
jeden Abend Leute aus dem Volk in seinem Haus. Er saß mitten unter ihnen und
sprach mit ihnen über ihre Probleme. Jeder konnte ihn besuchen. Zu diesen
Zusammenkünften erschienen die Sabaiten in großer Zahl. Allmählich fingen sie
an, Unruhe zu stiften. Eines Abends überfielen sie einen Mann und schlugen ihn
in Gegenwart des Gouverneurs. Dieser fühlte sich dadurch gedemütigt, aber auch
hilflos. Die Übeltäter waren so mächtig, dass er nicht gegen sie einschreiten
konnte. Die Lage wurde so unerträglich, dass das Volk dem Kalifen schrieb. Es
bat ihn, die Stadt von den Straßenbanden zu befreien.
Uthman (r) gab dem Gouverneur die schriftliche Anweisung, diese Bande nach Syrien
zu Mu'awiya zu schicken. Er hoffte, dass dieser sie zur Vernunft bringen würde.
Der Befehl des Kalifen wurde ausgeführt, und Mu'awiya versuchte, sie durch Güte
auf den rechten Weg zu bringen. Doch darauf reagierten diese verdorbenen
Menschen nicht und wurden unverschämt gegen Mu'awiya. Deshalb schrieb er dem
Kalifen, dass er solch schlechte Menschen nicht bessern könne.
Nun schickte Uthman (r) sie zu 'Abdurrahman Ibn Halid, dem Gouverneur von Hirns.
Er war ein unnachgiebiger Mann, der hart mit diesen Burschen verfuhr und sie so
zur Vernunft brachte. Sie bedauerten ihre Taten und versprachen, sich künftig
gut zu betragen. 'Abdurrahman setzte den Kalifen davon in Kenntnis, und in
seinem Antwortbrief befahl Uthman (r), sie nach Al-Kufa zurückzuschicken, wenn
sie ehrlich meinten, was sie sagten. Aber als sie wieder in Al-Kufa waren,
trieben sie ihr Unwesen genauso arg wie zuvor.
Ägypten wird zum Zentrum der Gegner Uthmans
Zweitens war 'Amr Ibn Al-'As (r), der frühere Gouverneur von Ägypten, ein
beliebter Statthalter gewesen; sein Nachfolger, 'Abdullah Ibn Sara, war lange
nicht so populär. 'Amr war von Uthman (r) abgesetzt worden. Für Ibn Saba' war
dies eine günstige Gelegenheit, Unzufriedenheit im Volk zu schüren. Drittens war
der neue Gouverneur durch den Feldzug in Nordafrika länger als ein Jahr von
Ägypten abwesend. Ibn Saba' hatte dadurch freie Hand, seine Pläne in Ruhe zu
verwirklichen.
In Ägypten hatte Ibn Saba' auch zwei mächtige Verbündete in Muhammad Ibn Hudaifa
und Muhammad Ibn Abi Bakr. Beide waren Uthmans Gegner.
Der erstere war als Waise von Uthman (r) aufgezogen worden. Als er erwachsen war,
bat er den Kalifen um einen Posten als Statthalter einer Provinz. Uthman hielt
ihn jedoch nicht für befähigt für ein so hohes Amt und schlug ihm diese Bitte
ab. Dadurch war Muhammad Ibn Hudaifa so verärgert über den Kalifen, dass er nach
Ägypten ging und gegen 'Uthman arbeitete.
Muhammad Ibn Abi Bakr war ebenfalls aus persönlichen Gründen über den Kalifen
erzürnt. Er war von Ali (r) aufgezogen worden; seine Mutter, die Witwe Abu
Bakrs, hatte nach dessen Tod Ali (r) geheiratet.
Als Muhammad Ibn Abu Bakr einem Gläubiger, von dem er eine gewisse Summe
geliehen hatte, sein Geld nicht rechtzeitig zurückgab, verklagte der Gläubiger
ihn beim Kalifen. Uthman (r) fällte sein Urteil äußerst unparteiisch. Muhammad
Ibn Abi Bakr war dadurch jedoch beleidigt und ging nun auch nach Ägypten, wo er
sich den Feinden des Kalifen anschloss.
'Abdullah Ibn Saba' nutzte diese Umstände voll aus.
Die zentrale Kommandostelle der Sabaiten in Ägypten verbreitete eine
Propagandaflut gegen Uthman (r). In jeder Stadt tauchten Briefe auf, in denen
über Zwangs- und Notlagen anderer Städte berichtet wurde. Sabaitische Agenten am
Ort sorgten für die Verbreitung dieser Briefe, und nach kurzer Zeit mussten die
Bewohner einer Stadt denken, dass ihr Los das glücklichste sei und dass in
anderen Teilen des Reiches unerträgliche Verhältnisse herrschten. Die Schuld
daran schoben sie dem Kalifen zu.
Da die Verbreitung von Nachrichten damals schwierig war, erfuhren die Menschen
nicht, wie das Leben in anderen Provinzen wirklich war. Die Sabaiten nutzten
diese Situation zu ihrem Vorteil aus.
Ein alter Gefährte des Propheten wird ausgenutzt
Schon zu 'Umars Zeit war Mu'awiya Gouverneur von Syrien. Er war ein sehr kluger
und geschickter Herrscher und jeder Lage gewachsen. Die sabaitischen Agenten
hatten daher in Syrien keinen Erfolg. Abu Darr AI Gifari (r), ein wohlbekannter
Gefährte des Propheten (Friede sei mit ihm) lebte in Syrien. Er
hielt sich stets fern von weltlichen Dingen und Geldgeschäften. Nach seiner
Meinung sollten die öffentlichen Gelder bei Eingang sogleich an die Armen
verteilt werden. Er war gegen das Horten von Geld in der Staatskasse.
"Staatsgeld ist Volksgeld", sagte er, "und sollte jeweils sofort verteilt
werden."
Mu'awiya war jedoch anderer Meinung: Er hielt es für richtig, dass die
öffentlichen Einkünfte für Notfälle in der Zukunft zurückgelegt werden sollten.
Er nannte das Staatsgeld "Allahs Geld", und er meinte damit, dass der Kalif
berechtigt sei, das Geld so zu verwenden, wie er es im Interesse der Muslime für
notwendig hielt. Abu Darr dachte anders. Ibn Saba' versuchte, aus der
Meinungsverschiedenheit zwischen dem Gouverneur und dem ehrwürdigen Sahaba des
Propheten seinen Vorteil zu ziehen. Er ging zu Abu Darr und sagte:
"Es ist seltsam, dass Mu'awiya Staatsgeld als "Allahs Geld" bezeichnet. Er meint
damit, dass das Volk nichts über die Verwendung öffentlicher Gelder zu sagen
habe." Abu Darr ging Ibn Saba' leicht in die Falle. Er suchte sogleich Mu'awiya
auf und sagte:
"Was meinst du damit, dass du die öffentlichen Gelder als "Allahs Geld"
bezeichnest?"
"Lieber Abu Darr", entgegnete Mu'awiya freundlich, "wir alle sind Allahs Diener.
Daher ist all unser Geld, Allahs Geld! "
Diese Antwort stellte Abu Darr aber nicht zufrieden.
"Nun gut", sagte Mu'awiya, "in Zukunft will ich dieses Geld "öffentliches Geld"
nennen."
Abu Darr ging noch auf einen anderen Punkt ein: Er mahnte, dass die Reichen kein
Recht hätten, Reichtum anzusammeln. Alles, was ihre notwendigen Bedürfnisse
übersteige, sagte er, sollte an die Armen gegeben werden. Um seinen Worten mehr
Nachdruck zu verleihen, zitierte er die folgenden Verse des Qur'an(9:34f.):
"Und jenen, die Gold und Silber horten und es nicht für Allahs Weg verwenden -
ihnen verheiße schmerzliche Strafe.
An dem Tage, wo es (Gold und Silber) im Feuer der Gahannam glühend gemacht wird
und ihre Stirnen und ihre Seiten und ihre Rücken damit gebrandmarkt werden (,
wird ihnen gesagt): "Dies ist, was ihr für euch selbst gehortet habt; kostet
nun, was ihr zu horten pflegtet."
Auch hier unterschieden sich Mu'awiya und Abu Darr. Mu'awiya war der Meinung,
dass ein Mann, der 2,5 % Zakah bezahlt habe, sein übriges Geld für sich
verwenden könne, Abu Darrs Standpunkt machte großen Eindruck auf die Massen;
denn der überwiegende Teil des Volkes war arm, und es wollte an den Segnungen
des Reichtums teilhaben. So gewann Abu Darrs Bewegung schnell an Boden.
Mu'awiya schrieb darüber an Uthman (r). Der Kalif schrieb zurück, dass Abu Darr
nach AI-Madina geschickt werden solle mit allen Ehren, die man ihm schulde. In
Al-Madina rief Abu Darr die gleiche Bewegung ins Leben. Uthman (r) ließ ihn zu
sich kommen und sagte: "Lieber Abu Darr! Ich werde das Volk zwingen, alles zu
zahlen, was es Allah und Seinem Gesandten schuldet. Als Gegenleistung will ich
die Rechte, die das Volk mir gegenüber hat, garantieren. Aber ich kann niemanden
zwingen, die Welt aufzugeben." "Gut, dann schicke mich weg von Al-Madina", sagte
Abu Darr. "Der Prophet sagte mir, dass ich AI-Madina verlassen solle, wenn es
sich zu einer weltlichen Stadt entwickelt."
Uthman sandte nun Abu Darr in ein kleines Dorf fern von Al-Madina. Er gab ihm
einige Kamele mit und auch zwei Diener, die für ihn sorgen sollten.
Quellen der Unzufriedenheit
"Nein", erwiderte 'Umar (r), "du hast ein eigenes Haus in Al-Madina, du
brauchst kein weiteres Haus, solange du dieses hast."
Mit dieser Politik hielt 'Umar die führenden Familien des Islam in der
Hauptstadt. 'Uthman (r) wich von dieser Politik ab und erlaubte dem Volk, sich
niederzulassen und Eigentum zu erwerben, wo es wollte.
Das Ergebnis war, dass die führenden Familien der Qurais sich auf verschiedene
Städte verteilten und dort mächtig wurden, Dies führte dazu, dass sich eine
einflussreiche Oberschicht bildete, und jede Familie versuchte, die andere zu
übertrumpfen.
Die Banu Umayya und die Banu Hasim waren alte Rivalen. Die beiden ersten Kalifen
Abu Bakr und 'Umar gehörten keinem dieser beiden Stämme an.
Aber Uthman gehörte zu den Banu Umayya und gab seinen Verwandten hohe
Staatsämter, was die Angehörigen der Banu Hasim und ihre Anhänger kränkte. In
späteren Jahren geriet Uthman (r) zu sehr in die Abhängigkeit eines seiner
Verwandten, Marwan, einem sehr schlauen Mann, der beim Volk jedoch unbeliebt
war.
Während Uthmans Kalifat kam die Erweiterung des islamischen Reiches fast zum
Stillstand. Männer, die vorher durch Kriege ganz in Anspruch genommen waren,
begannen nun, sich für Politik zu interessieren.
AI-Kufa, Al-Basra, Ägypten und Syrien waren wichtige Militärbasen. Diese
Stützpunkte waren meist in den Händen von Männern, die nicht mit dem Propheten
(Friede sei mit ihm) zusammengelebt hatten. Das Prinzip der
Gleichheit im Islam war ihnen etwas Unbekanntes. Sobald 'Umars starke Hand nicht
mehr war, verfielen diese Offiziere in die alte Art, mit dem Volk umzugehen: Sie
wollten eher die Herren als die Diener des Volkes sein, und sie trachteten
danach, denselben Komfort und Luxus zu haben wie die alten persischen und
byzantinischen Herrscher.
Dadurch entstand eine Kluft zwischen Herrschenden und Beherrschten. Der freie
Geist des Islam wurde zurückgedrängt. Das Volk, das früher Gleichheit kannte,
war natürlich erbittert. Und der einfache Mann, der sie in vollem Ausmaß unter 'Umars
Herrschaft kennen gelernt hatte, gab dem neuen Kalifen die ganze Schuld.
Konferenz in Al-Madina
Der Kalif und die Gouverneure trafen sich zu einer Konferenz.
"Was ist der wahre Grund der Unruhe?" fragte Uthman (r).
"Es ist das Werk der Aufrührer", antworteten sie. "Sie bewerfen den Kalifen und
seine Mitarbeiter mit Schmutz. Sie wollen die Regierung stürzen."
"Wie kann man dem Einhalt gebieten?" fragte Uthman.
Verschiedene Vorschläge wurden gemacht. In einem waren sie sich jedoch alle
einig: Sie sagten, dass der Kalif eine unnachgiebige Haltung gegenüber den
Unruhestiftern einnehmen müsse. Uthman stimmte dem nicht zu. In einer
ergreifenden Rede sagte er zu den Gouverneuren:
"Ich habe eure Meinungen gehört. Ich fürchte, es ist die vom Gesandten Allahs
vorausgesagte böse Zeit. Wenn es so ist, will ich alles tun, was in meiner Macht
steht, um sie mit Güte und Vergebung hinauszuzögern. Ich will mit meinen Taten
beweisen, dass ich nicht versäumt habe, Gutes für das Volk zu tun. Wenn ich
morgen vor Allah trete, darf kein Tadel an mir haften. Ich bin sicher, dass die
böse Zeit kommen wird. Aber verflucht soll Uthman sein, wenn er sein Leben
beendet und dazu beigetragen hat, dieses Unglück näher zu bringen." Die Konferenz
ging zu Ende, und Uthman (r) erlaubte den Gouverneuren, sich zu verabschieden.
Mu'awiya sagte: "Führer der Gläubigen! Ich glaube nicht, dass du in Al-Madina
sicher leben kannst. Du solltest besser mit mir nach Syrien kommen."
"Selbst wenn man mir den Kopf abschlägt", antwortete Uthman, "will ich Al-Madina
nicht verlassen. Um keinen Preis werde ich mich aus der Umgebung des Propheten
(Friede sei mit ihm) entfernen.
"Dann erlaube mir, einige Truppen aus Syrien zu deinem Schutz zu schicken",
sagte Mu'awiya.
"Nein", war die Antwort, "ich will nicht, dass Menschen, die in der Nähe des
Propheten (Friede sei mit ihm) wohnen, meinetwegen in
Schwierigkeiten geraten."
Dann sandte der Kalif vier Männer, die ihm über die Lage berichten sollten, auf
eine Rundreise durch die Provinzen. Drei von ihnen meldeten, dass die
Verhältnisse normal seien. 'Ammar Ibn Yasir aber, der nach Ägypten ausgesandt
worden war, kam nicht zurück, und der Gouverneur von Ägypten setzte den Kalifen
davon in Kenntnis, dass 'Ammar zu den Sabaiten übergelaufen sei.
Die Lage spitzt sich zu
Die Aufrührer ersannen nun einen anderen Plan. Ihre Rädelsführer von jeder
Provinz beschlossen, sich in AI-Madina zu treffen. Sie wollten die Verhältnisse
in der Hauptstadt erkunden, um danach ihr weiteres Vorgehen zu bestimmen.
Also trafen sich die Rädelsführer aller Provinzen außerhalb von AI-Madina. Der
Kalif erfuhr davon und sandte zwei Männer ihres Vertrauens zu ihnen. Die Männer
kamen mit einer alarmierenden Nachricht zurück. Sie sagten, dass die
Rädelsführer auf Unheil versessen seien. Sie beabsichtigten, zurückzukehren und
den Leuten zu sagen, dass der Kalif sich geweigert habe, ihre Beschwerden
anzuhören. Im folgenden Jahr wollten sie dann an der Spitze einer großen
Menschenmenge nach Al-Madina ziehen, um den Kalifen zu töten. Uthman (r) hörte
die Nachricht ruhig an, unternahm aber nichts.
Dann kamen die Rädelsführer nach Al-Madina. Der Kalif war über ihre Pläne
unterrichtet. Einige Leute waren der Meinung, dass sie alle getötet werden
sollten; denn sie glaubten, das würde die Quelle des Übels zum Versiegen
bringen. Aber der Kalif entgegnete:
"Ich kann niemanden ohne ausreichende rechtliche Grundlage töten. Diese Leute
leben mit verschiedenen Missverständnissen. Ich will versuchen, sie aufzuklären.
Ich will sie mit Güte und Vergebung auf den richtigen Weg bringen. Wenn diese
Mittel versagen, dann will ich mich Allahs Willen fügen."
Uthman weist die Anschuldigungen gegen ihn zurück
Mehr noch: Diese Weiden stehen jedermann zur Verfügung. Nur diejenigen sind von
der Benutzung ausgeschlossen, die durch Bestechung mehr erlangen wollten, als
ihnen zusteht. Was mich betrifft, habe ich nicht mehr als zwei Kamele, die mir
zur Zeit des Hadsch dienen. Ihr alle wisst, dass zu der Zeit, bevor ich Kalif
wurde, niemand in Arabien mehr Tiere besaß als ich.
Ich habe beglaubigte Abschriften des Qur'an in alle Teile des Reiches gesandt.
Nun gibt es Leute, die mir das zum Vorwurf machen. Ihr alle wisst, dass der
Qur'an ein von Allah (t) offenbartes einziges Buch ist.
Man sagt, ich hätte junge Männer zu Offizieren ernannt. Tatsache ist, dass nicht
das Alter, sondern die Fähigkeit und der Charakter meine Wahl bestimmt haben.
Die hier anwesenden Männer aus den Provinzen können die Tüchtigkeit und
Ehrenhaftigkeit meiner Offiziere nicht leugnen. Wegen seiner Jugend allein kann
niemandem die Fähigkeit für ein Amt abgesprochen werden. Der Prophet (Friede sei
mit ihm) gab Usama den Oberbefehl über eine Armee, obwohl
dieser jünger war als alle Männer, die ich ernannt habe.
Es wird behauptet, ich hätte dem Gouverneur von Ägypten die ganze Beute von
Nordafrika als Belohnung gelassen. In Wirklichkeit erhielt er nur ein Fünftel
des fünften Teiles dessen, was dem Staat zustand. Bereits vor meiner Zeit als
Kalif gab es Beispiele solcher Belohnungen, Als ich jedoch erfuhr, dass das Volk
dagegen war, nahm ich das Geld vom Gouverneur zurück.
Man wirft mir vor, dass ich meine Verwandten liebe und sie belohne. Es ist keine
Sünde, seine Verwandten zu lieben. Aber diese Liebe hat mich niemals zu
Ungerechtigkeiten gegenüber anderen Menschen verleitet. Was die Belohnungen
anbelangt, habe ich keinem Verwandten etwas aus der Staatskasse gegeben, es sei
denn, er hat einen Anspruch darauf gehabt. Ich beschenke sehr wohl meine
Verwandten, jedoch nur aus meiner eigenen Tasche. Ich machte ihnen
Geschenke, ehe ich Kalif wurde. Jetzt, da ich alt bin und nicht mehr lange leben
werde, will ich nichts für mich zurückbehalten. Ebenso wenig wie ich für mich
selbst etwas aus der Staatskasse nehme, tue ich es für meine Verwandten. Die
Einkünfte jeder Provinz kommen ausschließlich dem Volk dieser Provinz zugute. In
den Staatsschatz von Al-Madina kommt nur der fünfte Teil der Beute. Dieses Geld
wird vom Volk selbst in Notzeiten verbraucht.
Man sagt, ich hätte Land an meine Freunde verschenkt. Das ist nicht wahr. Viele
Leute aus Al-Madina begleiteten die kämpfenden Truppen. Einige von ihnen ließen
sich in den eroberten Ländern nieder, wo sie Land erwarben. Später kamen einige
von ihnen nach Al-Madina zurück. Das einzige, was ich getan habe, ist, dass ich
in verschiedenen Teilen des Reiches ihr Land verkauft und ihnen den Erlös
erstattet habe." Der Kalif fragte seine Zuhörer, ob seine Angaben wahr seien.
Alle bestätigten es. Jedem Anwesenden wurde klar, dass alles, was dem Kalifen
zur Last gelegt wurde, falsch war. Aber niemand hatte eine Idee, wie man den
Kalifen in den Augen des Volkes von dem falschen Verdacht befreien könnte.
Der Marsch der Aufrührer nach Al-Madina
Der Kalif hatte von diesem Komplott der Aufrührer lange zuvor Kenntnis erhalten.
Aber er wollte keine Gewalt gegen seine Feinde anwenden. Er war entschlossen,
sie mit Liebe zu gewinnen oder bei diesem Versuch umzukommen.
Im Monat Sawwal des Jahres 35 n.H. brachen die Aufrührer von Al-Basra, Al-Kufa
und Ägypten auf, und zwar in kleinen Gruppen. Von jeder Provinz waren es etwa
1000 Mann. Sie marschierten nach Al-Madina und lagerten einige Kilometer vor der
Stadt an drei verschiedenen Plätzen. Einige Ägypter kamen zu Ali (r) und
forderten ihn auf, ihr Anführer zu sein. Er lehnte dies jedoch ab. Einige Männer
von Al-Basra gingen zu Talha (r) mit der gleichen Aufforderung und erhielten
dieselbe Antwort. Die Aufrührer von Al-Kufa stellten das gleiche Ansinnen an
Az-Zubair (r). Aber auch er weigerte sich, an ihren schändlichen Plänen
teilzunehmen.
Ali schickt die Aufrührer weg
Als Uthman (r) erfuhr, was die Aufrührer vorhatten, ging er zu Ali und bat ihn,
seinen Einfluss auf die Unheilstifter geltend zu machen und sie wegzuschicken.
"Sagte ich dir nicht schon so oft", sagte Ali, "du solltest dich nicht von
deinen Verwandten führen lassen?"
Aber du hast auf Marwan, Mu'awiya, Ibn 'Amr, Ibn Abi Sara und Sa'id Ibn Al-'As
gehört. Wie kann ich nun diese Leute zurückschicken?"
Uthman versicherte Ali, dass er sich in Zukunft von seinem Rat leiten lassen
werde und nicht mehr auf seine Verwandten hören wolle.
"Es wäre besser, wenn du das öffentlich in der Moschee bekanntgäbest",
sagte Ali.
"Dadurch würde jedermann erfahren, dass sich die Politik ändert. Die Aufrührer
würden dann keine Ausrede mehr haben, um Unruhe zu stiften."
Also ging Uthman (r) in die Moschee und sagte:
"Wenn ich Fehler gemacht habe, bitte ich Allah um Vergebung. Ich fordere alle
einsichtigen Männer unter euch auf, mir den richtigen Rat zu geben. Bei Allah ,
wenn es sich um die Wahrheit handelt, bin ich sogar bereit, dem Rat eines
Sklaven zu folgen. Ich verspreche, mich von euren Wünschen leiten zu lassen. Ich
will nicht länger auf Marwan und seine Leute hören."
|
|
Am Ende seiner Ansprache liefen Tränen über seine Wangen, und auch die Zuhörer
begannen zu weinen. Dann ging Ali zu den Ägyptern und versicherte ihnen, dass
die Ursachen all ihrer Klagen beseitigt würden. Sie schienen zufriedengestellt
zu sein und machten sich auf den Weg nach Ägypten. Auch die Aufrührer von
Al-Basra und Al-Kufa reisten in ihre Städte ab, und der Sturm schien vorüber zu
sein
Der gefälschte Brief
Ali (r) ging zu den Ägyptern und fragte, warum sie zurückgekommen seien.
"Du hast uns versichert", sagten sie, "dass unseren Beschwerden nachgegeben
würde, aber wir sahen einen Boten eilig hinter uns herkommen. Wir hielten ihn an
und durchsuchten ihn. Dabei fanden wir einen Brief vom Kalifen an die
Gouverneure mit dem Befehl, uns alle zu töten, wenn wir zurück seien. Hier ist
der Brief. Er trägt das Siegel des Kalifen. Dies ist ein glatter Treuebruch, und
dafür muss der Kalif büßen!"
"Und warum seid ihr zurückgekommen?" fragte Ali die Aufrührer von Al-Kufa und
Al-Basra.
"Wir mussten unseren ägyptischen Brüdern helfen", sagten sie. "Aber eure Wege
gingen doch in ganz andere Richtungen! Wie konntet ihr da Kenntnis von dem Brief
haben, wenn ihr schon einige Meilen von eurem Weg zurückgelegt hattet?" Darauf
erhielt Ali keine Antwort.
"Es ist klar", sagte er, "dass ihr ein Komplott geschmiedet habt. Ihr scheint
entschlossen zu sein, es auszuführen." "Sag, was du willst", antworteten die
Aufrührer, "wir wollen Uthman nicht als Kalifen. Allah hat uns ein Recht auf sein
Blut gegeben. Auch du solltest unserer Sache dienen!"
"Bei Allah ", antwortete Ali (r), "ich will mit euch nichts zu tun haben."
"Warum hast du uns dann Briefe geschrieben?" fragten sie.
"Was für Briefe?" sagte Ali verwundert. "Bei Allah, ich habe euch niemals
etwas geschrieben!"
Ali merkte, dass er nichts mehr ausrichten konnte; die Aufrührer schienen
entschlossen, ihn in die Sache hineinzuziehen, und er sah, dass seine Lage
schwierig wurde. Daher brach er nach Al-Garuza auf, einem Ort einige Meilen von
Al-Madina entfernt.
Die Aufrührer zeigten den Brief dem Kalifen und fragten:
"Stammt dieses unser Todesurteil von dir?"
"Ich schwöre bei Allah, dass ich nichts von diesem Brief weiß", entgegnete
Uthman
(r).
"Nun, dann bist du nicht fähig, weiter Kalif zu sein", brüllten die Aufrührer.
"Wenn du den Brief geschrieben hast, ist es klar, dass du nicht weiter Kalif
sein kannst. Aber wenn ein anderer ohne dein Wissen diesen Brief geschrieben
hat, kannst du es auch nicht bleiben. Denn wenn solch wichtige Befehle ohne dein
Wissen abgesandt werden können, solltest du nicht weiter an der Spitze des
Staates stehen. Wir verlangen, dass du das Kalifat abgibst!"
Uthman (r) wies diese Forderung zurück.
"Ich will nicht mit meinen eigenen Händen das Ehrenkleid ablegen, das Allah mir
verliehen hat", sagte er.
Die Belagerung
Außer dem Kalifen und seiner Familie waren noch andere Männer im Haus, unter
ihnen Al-Hasan, Al-Husain, Muhammad Ibn Talha, 'Abdullah Ihn Az-Zubair, Abu
Huraira, Marwan und andere. Diese Männer dienten dem Kalifen als Schutz, und es
kam zu einigen Zusammenstößen zwischen ihnen und den Belagerern. Dabei wurden
Al-Hasan und Marwan verwundet, Marwan sogar schwer. Die
Aufrührer vermieden jedoch eine offene Schlacht. Sie wussten, dass die Leute der
Banu Hasim wegen Al-Hasan und Al-Husain in den Kampf gegen sie eingreifen
würden.
Während der Belagerung wurde 'Abdullah Ibn 'Abbas von Uthman nach Mekka gesandt.
Er sollte den Hadsch als Stellvertreter des Kalifen leiten. Der Kalif schickte
auch Boten zu den Provinzgouverneuren, die ihnen von der Belagerung berichten
sollten.
Als die Not durch die Belagerung wuchs, bat Al-Mugira Ibn Su'ba den Kalifen,
endlich etwas zu unternehmen. Er machte ihm drei Vorschläge.
"Komm aus dem Haus heraus", sagte er, "und kämpfe gegen die Aufrührer. Du hast
Männer bei dir, und das Volk von Al-Madina wird auch an deiner Seite kämpfen.
Dazu bist du im Recht, und die Wahrheit muss gewinnen. Oder verlasse das Haus
durch die Hintertür und versuche, Mekka zu erreichen. In der heiligen Stadt
können die Aufrührer nicht Hand an dich legen. Oder gehe nach Syrien. Dort wirst
du unter dem Schutz Mu'awiyas sicher sein."
Uthman (r) antwortete darauf:
"Dem ersten Vorschlag stimme ich nicht zu, weil ich nicht als erster Kalif das
Blut von Muslimen vergießen will. Auch den zweiten Vorschlag nehme ich nicht an;
denn ich will nicht, dass die heilige Stadt Mekka in Gefahr gerät. Der dritte
Vorschlag ist ebenfalls unannehmbar; denn auf keinen Fall will ich die Nähe des
Gesandten Allahs aufgeben."
Die Lage wurde von Tag zu Tag schlimmer, aber Uthman (r) fühlte sich
verpflichtet, Böses mit Liebe zu bekämpfen, selbst wenn es sein Leben kosten
sollte.
Uthman wird ermordet
Als der Tag des Hadsch| näher kam, wuchs die Unruhe der Aufrührer. In wenigen
Tagen würden Hunderte von Männern vom Hadsch zurückkehren, und auch aus den
Provinzen könnte Hilfe für den Kalifen eintreffen. Sie mussten ihr Komplott
sogleich ausführen, wenn es nicht zu spät sein sollte. Daher musste schnell
gehandelt werden.
Uthmans Haus war sehr groß. Al-Hasan, Al-Husain, Muhammad Ibn Talha und 'Abdullah
Ibn Az-Zubair hielten Wache am Haupttor, und die Aufrührer wollten sich mit
diesen Männern nicht in einen Kampf einlassen; denn das hätte deren
Blutsverwandte zur Rache bewogen. Um dies zu vermeiden, schlichen sich mehrere
Rebellen über die rückwärtige Mauer und drangen so zum betagten Kalifen vor; die
Wachen am Haupttor merkten nicht, was im Haus vorging.
Uthman (r) saß da, hatte das Heilige Buch aufgeschlagen vor sich und rezitierte
den Qur'an. Muhammad Ibn Abi Bakr führte die Gruppe der Mörder an. Er ergriff
den Bart des Kalifen und zog daran.
"Mein lieber Muhammad", sagte Uthman, wobei er ihm in die Augen blickte, "wenn
dein Vater noch am Leben wäre, würde er dein Verhalten nicht billigen!"
Bestürzt wich der junge Mann zurück.
Da schlug ein anderer Mann dem Kalifen mit einer Axt auf
den Kopf, ein dritter versetzte ihm einen Streich mit dem Schwert. Na'ila (r),
die treue Gattin Uthmans, wollte ihren Mann schützen; dabei wurden ihr die Finger
abgeschlagen.
Dann fielen alle Verschwörer über den betagten Kalifen her und verwundeten ihn
sehr. Einer von ihnen, ' Amr Ibn Hamq, schlug ihm schließlich den Kopf ab.
Die Nachricht von Uthmans grausamer Ermordung war ein harter Schock für
jedermann. Ali war wie betäubt, als er es hörte, und eilte sofort nach
Al-Madina.
"Wo wart ihr", tadelte er seine beiden Söhne Al-Hasan und Al-Husain, "als der
Führer der Gläubigen ermordet wurde?"
Genauso zornig war er auf 'Abdullah Ihn Az-Zubair und die anderen, die am Tor
Wache gestanden hatten.
Uthman (r) wurde am Freitag, dem 17. Du-1-Higga des Jahres 35 n.H., ermordet.
Nach der Ermordung des Kalifen plünderte die Bande sein Haus. Dann eilten sie
zum Baitu-1-Mäl und raubten ihn aus. Von Grauen gepackte Menschen sahen hinter
verschlossenen Türen die Blutorgie. Niemand wagte es, ihnen Einhalt zu gebieten;
Al-Madina schien den Aufrührern ausgeliefert zu
sein. Drei Tage lang lag Uthmans Leichnam unbeerdigt; denn die Rebellen erlaubten
nicht, ihn zu bestatten. Schließlich wandten sich einige Leute deswegen an Ali.
Auf sein Verlangen wurde die Beerdigung endlich erlaubt.
Am späten Abend trugen 17 Männer den Leichnam zum Friedhof von AI-Madina und
begruben ihn dort.
Das war das Ende Uthmans, des Apostels von Liebe und Frieden. Er wollte
Blutvergießen unter allen Umständen vermeiden und tat sein Äußerstes, um
Betrügerei und Gewalt mit Liebe und Güte zu begegnen.
Der Versuch schlug nicht ganz fehl; denn Uthman (r) erreichte mit der Aufopferung
seines eigenen Lebens sein Ziel, ein Bürgerkrieg im gesamten islamischen Reich
blieb aus vorläufig.
Die zwölf Jahre von Uthmans Kalifat
'Umars Kalifat war eine Zeit der Eroberungen, die eine Flut von Reichtum zur
Folge hatten. 'Umar selbst brach einmal in Tränen aus, als er die Schätze in der
Moschee des Propheten(Friede sei mit ihm) aufgehäuft sah.
Nach dem Grund seines Weinens befragt, sagte er, dass Reichtum immer Neid und
Bosheit erzeuge und dass diese der wahre Ursprung der Uneinigkeit seien. 'Umar
(r) hatte vollkommen recht; seine Befürchtungen erfüllten sich in den Jahren
nach seinem Tode.
Auch der Gesandte Allahs (Friede sei mit ihm) hatte eine Periode
großer Unruhe vorausgesagt. Diese Zeit ging mit dem Wohlstand des Volkes einher.
Eines Nachts
wachte er beunruhigt auf; er war bewegt und sagte:
"Alle Ehre gebührt Allah! Welch großen Reichtum hat Er meinem Volk beschert! Und
welcher Unfriede ist durch diesen Reichtum im Volk entstanden!"
Schon von Beginn der Unruhen an war sich Uthman (r) sicher, dass nun die vom
Gesandten Allahs (Friede sei mit ihm) vorausgesagte böse Zeit
gekommen war.
Nach seiner Meinung war das Unheil unvermeidbar und musste so kommen. Er konnte
es verzögern, aber nicht aufhalten, und er glaubte, dass Härte und Strenge es
früher bringen würden. So versuchte er, den Beginn der Unruhe durch Güte und
Vergebung hinauszuschieben. Das waren die Waffen, auf die er sich verließ. Wenn
sie nicht wirkten, war es nicht Uthmans Fehler; es war die Schuld der Männer, die
Recht und Unrecht nicht unterscheiden konnten.
Auch eine andere Voraussage des Gesandten Allahs (Friede sei mit ihm) hielt sich
Uthman ständig vor Augen. Sie lautete:
"Wenn meine Nachfolger sich erst einmal untereinander mit dem Schwert bekämpfen,
wird das so bis zum Jüngsten Tag bleiben."
Die beiden Kalifen vor Uthman kämpften mit dem Schwert gegen die Feinde des
Islam, führten aber niemals eine Armee gegen Muslime. Aber jetzt erhoben Muslime
die Waffen gegen Uthman. Sollte er sein Schwert gegen sie ziehen? Er hätte es
leicht tun können. Die Zahl der Aufrührer war nie größer als 3000 Mann, und
Al-Madina hatte schon viel größere Heere zurückgeschlagen. Wenn Uthman (r) sein
Schwert ergriffen hätte, wären Hunderte von Schwertern für ihn bereit gewesen;
außerdem hätte er Truppen aus Syrien rechtzeitig zur Verfügung haben können, so
dass er jede Menge von Aufrührern hätte vernichten können. Aber nichts konnte
ihn dazu bewegen, von der Waffe Gebrauch zu machen; denn dadurch wäre er zum
ersten Kalifen des Islam geworden, der das Blut von Muslimen vergossen hätte.
Denn wenn die Waffen einmal ergriffen sind, werden sie nicht mehr weggelegt, und
Uthman (r) war der letzte, der einen Fluch über die Muslime bringen wollte, der
immer auf ihnen lasten würde, Es war weitaus leichter für ihn, sein Leben
hinzugeben. Daher entschloss er sich, diesen Weg zu wählen; er gab sein Leben,
damit sein Volk vom Fluch des Schwertes verschont bliebe.
'"Uthman ist der bescheidenste meiner Sahaba", sagte einst der Gesandte Allahs
(Friede sei mit ihm) . Seine Bescheidenheit verließ Uthman auch nicht,
als er Herrscher eines großen Reiches geworden war. Er war großzügig und
weichherzig und war jederzeit geneigt, die Fehler anderer zu übersehen. Wirklich
hohe Tugenden! Ob er als Oberhaupt eines großen Reiches noch weitere
Qualifikationen hätte benötigen müssen, weiß Allah am besten. Er war nicht hart,
fest und schnell genug; sein weiches Herz erlaubte ihm keinen harten und festen
Kurs. Er wusste sehr wohl, wohin der Weg der Liebe führen würde, aber er war
bereit, diesen Preis mit seinem Leben zu bezahlen.
Da Uthman (r) gütig zu allen Menschen war, war er es besonders zu seinen
Verwandten. Einige von ihnen zogen ungebührend Vorteil daraus, indem sie sich
bemühten, alle Macht in ihre Hände zu bekommen. Viele Schlüsselstellungen im
Reich wurden von ihnen oder von ihren Freunden besetzt. Marwan gewann solche
Macht über den alten Kalifen, dass er zuweilen in seinem Namen handelte, ohne
ihm mitzuteilen, was er tat, und der Kalif musste Kritik hinnehmen für die
Handlungen Marwans.
Uthmans Glaube und Mut haben wenig Parallelen in der Geschichte. In der Nähe des
Propheten (Friede sei mit ihm) zu sein bedeutete ihm mehr als alles
andere, sogar mehr als sein Leben. Nichts konnte ihn von AI-Madina vertreiben,
wo der Prophet (Friede sei mit ihm) zur ewigen Ruhe gebettet war.
Der Tod starrte ihm ins Gesicht, aber er hieß ihn willkommen, weil er durch ihn
ein Grab in AI-Madina bekam. Dieser Tod in AI-Madina war ihm wertvoller als sein
Leben anderswo. Das erklärt die kühle Entschlossenheit, mit der er dem Tod
begegnete.
Trotz innerer Unruhen weitete sich das Reich unter Uthmans Kalifat weiter aus.
Nordafrika kam hinzu, Aufstände in verschiedenen Teilen wurden rasch
niedergeschlagen. Byzanz konnte keinen Vorteil aus den inneren Wirren des
islamischen Reiches ziehen.
Im Grunde war Uthmans Ermordung die Folge politischer Meinungsverschiedenheiten:
Eine Gruppe von Männern wollte ihm das Kalifat nehmen; denn sie wünschten sich
einen anderen Kalifen, aber die Art und Weise ihres Vorgehens war falsch. Bis
dahin wurden die Kalifen durch die Stimme des Volkes gewählt.
Die Sahaba waren die Vertreter der öffentlichen Meinung, und durch die Mehrheit
ihrer Stimmen wurde entschieden, wer Kalif werden sollte. Die Aufrührer von
Al-Kufa, Al-Basra und Ägypten kümmerten sich nicht um diese Tradition, sondern
setzten die Gewalt an ihre Stelle.
Diese Methode hatte eine weitere unglückliche Folge: In religiösen Gruppen
setzten sich politische Parteien fest, und diese Gruppen spalteten sich weiter.
Die Einigkeit der Muslime erhielt dadurch einen schweren Schlag, es bildeten
sich Sekten, und was der Prophet(Friede sei mit ihm) vorausgesagt
hatte, trat ein: Das Schwert trennte seine Nachfolger, und dabei blieb es.
Uthman (r) leistete dem Islam einen großen Dienst, indem er gleichlautende
Abschriften des Qur'an in die Provinzhauptstädte schickte. Dies war notwendig
geworden, weil man sich über die Art, wie das Heilige Buch zu rezitieren sei,
nicht einig war; im Irak wurde es anders gelesen als in
Syrien. Der Kalif erfuhr davon im Jahre 30 n.H.
"Wir übernehmen die Weise von Abu Musa Al-As'aryy", sagten die Iraker.
"Und wir folgen der Art von Al-Miqdad Ibn Al-Aswad", erklärten die Syrer.
Uthman (r) brachte die Frage vor die Sahaba, und alle stimmten darin überein,
dass die zu Abu Bakrs Zeit hergestellte Abschrift die richtige sei. Nach Abu
Bakr gelangte sie in die Hände 'Umars, und nun war sie im Besitz von dessen
Tochter Hafsa (r). Uthman erhielt diese Kopie. Zaid Ibn Tabit (r), einer der
vertrauenswürdigen Schreiber der Offenbarung, wurde gebeten, davon sieben
Abschriften anzufertigen. Ihm halfen drei Männer, die den Qur'an auswendig
wußten. Auch Zaid (r) konnte den gesamten Qur'an auswendig rezitieren. Zuerst
schrieb er das ganze Buch aus dem Gedächtnis nieder. Dann las er es dreimal
einer Versammlung von Al-Muhagirün und Al-Ansar vor.
Schließlich verglich er diese Niederschrift mit derjenigen aus dem Besitz von
Hafsa. Beide stimmten völlig überein. Nun wurden sieben Abschriften angefertigt
und in die verschiedenen Teile des Reiches geschickt.
An dieser Stelle soll noch etwas über die Beziehungen zwischen Uthman und Ali
gesagt werden. Ali stimmte zwar mit dem betagten Kalifen in vielen Punkten
nicht überein - besonders mißbilligte er, dass andere Männer in Uthmans Namen
handelten -, aber er tat nichts, was Uthman geschadet hätte. Er riet ihm, sich
von Marwan und anderen Umayyaden loszusagen, aber er redete auch mit den
Aufrührern, um sie von ihren Plänen abzubringen, und lehnte es entschieden ab,
ihr übles Vorhaben zu unterstützen.
Als Ali (r) erfuhr, dass die Rebellen dem Kalifen jegliche Wasserzufuhr
sperrten, ging er zu ihnen und sagte:
"Männer, ihr tut da etwas ganz Übles. So etwas tut kein Muslim, nicht einmal ein
Ungläubiger. Warum verweigert ihr Uthman Essen und Trinken? Selbst die Perser und
die Byzantiner geben ihren Gefangenen Nahrung und Wasser. Was hat Uthman euch
denn getan? Warum belagert ihr ihn? Warum trachtet ihr ihm nach seinem Leben?"
Diese Worte hatten jedoch keine Wirkung auf die Aufrührer. Als Ali dies
merkte, warf er seinen Turban in Uthmans Haus; der Kalif sollte wissen, dass er
gekommen war, um auf die Belagerer einzureden, aber keinen Erfolg dabei gehabt
hatte.
Uthman (r) wusste, dass Ali aufrichtig war. Er ließ nie ein Wort der Klage gegen
ihn fallen. Nur meinte er, dass Ali ihn mehr hätte unterstützen sollen. Aber Ali hatte Gründe für seine Zurückhaltung. Er glaubte, dass alle
Verwirrung Uthmans Ratgebern zu verdanken sei, und wollte, dass sie gingen. Die
Rebellen forderten das Gleiche. Als Uthman Ali versicherte, dass er diese
Männer absetzen wolle - dies sagte er öffentlich in der Moschee -, wurden alle
Missverständnisse zwischen den beiden Schwiegersöhnen des Propheten (Friede sei
mit ihm) beseitigt; sie waren wieder so eng verbunden wie
früher.
Das verstärkte den Hass der Aufrührer. Sie waren es gewohnt, Ali's Namen zu
benutzen, um das Feuer der Unzufriedenheit zu schüren. Wie konnte er nur auf der
Seite des Kalifen stehen? So kam es, dass sie den verhängnisvollen Brief
erfanden. Dieser Brief brachte Uthman und * Ali in eine peinliche Lage und gab
den Rebellen einen guten Vorwand, ihre üblen Pläne auszuführen. Sie weigerten
sich einfach, Ali anzuhören. Dieser fühlte sich hilflos und konnte nichts tun.
Deshalb verließ er die Stadt, ordnete jedoch an, dass seine Söhne am Tor des
Kalifen Wache halten sollten.
Das Bemerkenswerteste an Uthman (r) war sein Glaube. Er hatte den Propheten
(Friede sei mit ihm) sagen hören, dass der Bürgerkrieg niemals enden
würde, wenn er einmal ausgebrochen sei. Uthman wollte nicht derjenige sein, der
ihn auslöste, und niemand sollte seinetwegen das Schwert ziehen. Am letzten Tag
seines Lebens gab es einen Kampf zwischen den Belagerern und den Wächtern am
Tor. Die Rebellen wollten mit Gewalt in das Haus eindringen; die Sohne Ali's
und die Söhne Az-Zubairs und Talhas lieferten ihnen einen harten Kampf, und
Uthman hörte dies.
"Nein, meine Lieben", rief er aus, "ich will nicht, dass Blut von Muslimen
vergossen wird, um meinen Kopf zu retten." Indem er dies sagte, schickte er sie
alle heim.
Wenn ein Bürgerkrieg auf Kosten seines Lebens vermieden werden konnte, war
Uthman
(r) glücklich, diesen Preis zu zahlen. Er glaubte, dass durch seine
Selbstopferung das vom Propheten (Friede sei mit ihm) vorausgesagte
Unheil verzögert werden konnte. Deshalb wollte er weder mit dem Schwert
zurückschlagen noch aus der Stadt des Propheten fliehen. Er starb bereitwillig,
damit der Islam leben möge. Für eine große Sache und eine tiefe Überzeugung
brachte er das größte Opfer, das ein Mann bringen kann. So wurde er in den Rang
eines der größten Märtyrer aller Zeiten erhoben.