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Ali's r.a. Jugend
"Mein Blick ist getrübt, und meine Beine sind schwach, aber ich will dich
unterstützen, o Gesandter Allahs! " So sprach ein zehnjähriger Junge, als der
Prophet seine Verwandten von seiner Sendung unterrichtete. Dieser Junge war 'Ali
Ibn Abi Talib, der Vetter des Propheten. 'Ali war etwa 30 Jahre jünger als der
Prophet. Sein Vater Abu Talib war der Onkel des Propheten; seine Mutter hieß
Fatima. 'Abdullah Ibn 'Abdulmuttalib, der Vater des Propheten (Friede sei mit
ihm) war vor dessen Geburt gestorben. In früher Jugend verlor der
Prophet auch seine Mutter Amina Bint Wahb und seinen Großvater 'Abdulmuttalib.
Sein Onkel Abu Talib nahm sich seiner an und zog ihn auf. Abu Talib hatte eine
sehr große Familie und war ziemlich arm. Als 'Ali geboren wurde, war der
Prophet schon erwachsen und hatte Frau und Kinder. Er nahm 'Ali in sein Haus
und zog ihn wie seinen eigenen Sohn auf. Auf diese Weise konnte er eine Last von
den Schultern seines geliebten Onkels nehmen. Aber auch für die Entwicklung 'Ali's
war dies von Bedeutung: er wuchs in einer Atmosphäre von Tugend und Frömmigkeit
auf, die ihm ein anderes Heim nicht hätte geben können. Diese frühe Schulung
hinterließ eine bleibende Wirkung auf 'Ali's Gesinnung. Sie gab ihm einen
klaren Blick und leidenschaftliche Liebe für die Wahrheit. Vor allem machte sie
aus ihm einen furchtlosen Kämpfer für die Sache Allahs. Diese Eigenschaften
erwiesen sich später als außergewöhnlicher Vorteil für den Islam.
'Ali nimmt den Islam an
'Ali war über neun Jahre alt, als der Prophet (Friede sei mit ihm) seine göttliche Sendung erhielt. Eines Tages sah er seinen Vetter und dessen
Frau ihre Stirn auf den Boden neigen. Sie priesen Allah den Allmächtigen. 'Ali
war erstaunt; denn nie zuvor hatte er jemanden in dieser Weise beten sehen.
Als das Gebet beendet war, fragte 'Ali seinen Vetter, was dieses fremdartige
Verhalten bedeute.
"Wir beten Allah, den Einzigen, an. Ich rate dir, es ebenso zu machen. Neige
niemals dein Haupt vor Al-Lat, Al-'Uzza oder anderen Götzen!", sagte der
Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm.
"Von so etwas habe ich noch nie gehört", sagte 'Ali, "ich will zuerst meinen
Vater fragen und es dir dann sagen." "Du solltest jetzt noch nicht mit jemandem
darüber sprechen, sondern selbst darüber nachdenken und dann zu einem Entschluss
kommen", riet der Prophet seinem kleinen Vetter. Am nächsten Morgen nahm 'Ali
den Islam an. Er war der erste Jugendliche, der sich der Gemeinschaft des Islam
anschloss. Eine ungewöhnlich selbständige Entscheidung für einen Jungen dieses
Alters, besonders in einer Gesellschaft, die dem Götzendienst huldigte! Sie war
ein Beweis für seine ihm angeborene Liebe zur Wahrheit.
Verbundenheit mit dem Propheten
'Ali (r) wuchs in der liebenden Fürsorge des Propheten (Friede sei mit ihm) heran. Er bekam eine tiefe Einsicht in die grundlegende Wirklichkeit
des Lebens und des Glaubens. Der Prophet sagte einmal über ihn: "Ich bin die
Stadt der Weisheit, und 'Ali ist ihr Tor." 'Ali's Liebe zum Propheten
(Friede sei mit ihm) kannte keine Grenzen. In der Nacht, als der Prophet
nach Yatrib, dem späteren AI-Madina, aufbrach, war dessen Haus von blutdürstigen
Männern umzingelt. Ringsum blitzten gezückte Schwerter, und die Männer waren
bereit, den Mann, der aus dem Haus heraustrat, in Stücke zu schlagen. Der
Prophet bat 'Ali, sich in sein Bett zu legen, während er selbst unbemerkt das
Haus verließ. 'Ali sprang freudig in das Bett und schlief ruhig die ganze Nacht
lang. Um das Haus schwebte der Tod, aber 'Ali kümmerte sich nicht darum. Er war
glücklich darüber, dass er helfen konnte, das Leben des Propheten (Friede sei
mit ihm) zu retten. Als die Qurais am nächsten Morgen bemerkten, dass
sie überlistet worden waren, gerieten sie außer sich vor Wut. Einige schlugen
vor, dass 'Ali mit dem Leben für diese Täuschung bezahlen solle. Er nahm jedoch
die Drohung mit solch kühnem Mut auf, daß die Qurais ihn in Ruhe ließen. Der
Prophet (Friede sei mit ihm) hatte von einigen Mekkanern Gelder zur
Aufbewahrung erhalten; denn bei aller Abneigung gegen ihn wußten die Mekkaner
keinen anderen Mann, dem sie diese anvertrauen konnten. Bevor der Prophet Mekka
verließ, übergab er die ihm anvertrauten Gelder 'Ali, der sie den Eigentümern
gewissenhaft aushändigen sollte. 'Ali blieb noch drei Tage in Mekka, und
nachdem er das Geld zurückgegeben hatte, ging auch er nach AI-Madina, um beim
Propheten (Friede sei mit ihm) zu sein.
´ Ali (r) war ein naher Blutsverwandter des Propheten, aber dieser wollte ihn
noch enger an sich binden und gab ihm seine Tochter Fatima (r) zur Frau. Sie war
seine jüngste und von allen am meisten geliebte Tochter. 'Ali würdigte diese
Ehre damit, daß er keine andere Frau nahm, so lange Fatima lebte. Al-Hasan (r)
und Al-Husain (r) waren ihre beiden Söhne, die der Prophet (Friede sei mit ihm) wie seine eigenen Kinder liebte.
Im Jahre 9 n.H. bereitete der Prophet (Friede sei mit ihm) einen
Feldzug gegen Syrien vor, das bekannte Unternehmen Tabuk. Er entschied, daß 'Ali
während seiner Abwesenheit AI-Madina verwalten solle. Heuchler nahmen 'Ali
diese Stellung übel.
"Der Prophet will 'Ali nicht bei sich haben", sagten sie. Als der Prophet davon
erfuhr, ließ er sofort 'Ali zu sich kommen und sagte: "O 'Ali, möchtest du
nicht im gleichen Verhältnis zu mir stehen wie Aaron zu Mose?" Diese Worte des
Propheten (Friede sei mit ihm) brachten die Heuchler zum Schweigen.
Im Jahre 9 n.H. fand der erste Hadsch des Islam statt. Zu der Zeit hatte Allah (t)
verboten, daß die Götzenanbeter die Kaaba betraten, und das sollte nun den
Menschen, die sich zum Hadsch versammelten, bekannt gegeben werden. Nach
islamischer Gepflogenheit konnte das nur der Prophet selbst oder ein naher
Verwandter von ihm tun. Der Prophet (Friede sei mit ihm) beauftragte 'Ali damit und gab ihm seine eigene Kamelstute Al-Qaswa'. 'Ali
ritt auf ihr und verlas der Menge den Befehl Allahs.
'Ali war einer der Schreiber der Offenbarungen. Auch die vom Propheten
versandten Briefe wurden 'Ali zur Niederschrift diktiert.
Er war einer der zehn Männer, denen der Prophet (Friede sei mit ihm) das Paradies verheißen hat. Die drei Kalifen vor 'Ali verließen sich immer
auf seine Ratschläge. 'Umar (r) pflegte zu sagen; "Ali ist der beste Richter
unter uns."
Mehr als einmal ließ 'Umar 'Ali als seinen Stellvertreter in AI-Madina zurück,
wenn er die Stadt zu verlassen hatte. In der Tat hielt 'Umar 'Ali für den am
meisten geeigneten Mann, um seine Amtsgeschäfte fortzuführen. Wahrscheinlich
bestimmte er ihn nur deshalb nicht ausdrücklich zu seinem Nachfolger, weil er
annahm, daß das Volk ihn wählen würde. In den ersten Jahren von 'Utmans Kalifat
hatte 'Ali's Wort bei der Gestaltung der Staatspolitik großes Gewicht. Erst in
den späteren Jahren ließ sich der alte Kalif von seinen Verwandten beraten.
Teilnahme an Schlachten
'Ali (r) war der Held so mancher Schlacht zu Lebzeiten des Propheten, Allahs
Segen und Friede auf ihm. Mit Ausnahme des Feldzugs nach Tabuk nahm er an allen
Schlachten und Feldzügen teil. In der Schlacht von Badr vollbrachte 'Ali's
Schwert wahre Wunder: Nach arabischer Sitte traten drei der tapfersten Krieger
der Qurais zum Einzelkampf vor, und 'Ali tötete zwei von ihnen. Die Feinde
verloren dadurch den Mut.
Auf dem Schlachtfeld von Uhud stand 'Ali (r) tapfer an der Seite des Propheten.
Diese Schlacht ging durch die Schuld der muslimischen Bogenschützen verloren,
die den Paß unverteidigt ließen. Unordnung und Panik verbreiteten sich daraufhin
unter den Muslimen, die sich zur Flucht wandten, und es kam sogar das Gerücht
auf, daß der Gesandte Allahs getötet worden sei. In all dieser Verwirrung war
'Ali einer von denen, die sich dicht beim Propheten aufhielten. Der Feind hatte
eine tiefe Grube ausgehoben und mit Zweigen und Gras bedeckt, und der Prophet
(Friede sei mit ihm) stürzte in sie hinein. Mit Hilfe von Abu Bakr
und Talha gelang es 'Ali jedoch, ihn wieder herauszuziehen, und er und Fatima
wuschen und behandelten daraufhin seine Wunden. 'Ali wurde siebzehnmal in
dieser Schlacht verwundet.
Im Jahre 5 n.H. verbündeten sich alle Feinde des Islam und führten eine große
Armee gegen AI-Madina. Daraufhin ließ der Prophet (Friede sei mit ihm) zur Verteidigung einen tiefen und breiten Graben rund um die Stadt
ausheben. Aber eines Tages sprang 'Abdwud, ein in ganz Arabien berühmter und
gefürchteter Krieger, mit seinem Pferd über den Graben. Niemand wagte es, sich
ihm zu nähern. Schließlich stellte sich 'Ali ihm zum Kampf. "Denke daran",
sagte der Prophet (Friede sei mit ihm) zu 'Ali, "es ist ´Abdwud! "
"Ja, ich weiß es", entgegnete 'Ali, und in wenigen Minuten warf er seinen
mächtigen Gegner nieder und schlug ihm den Kopf ab.
Die Juden hatten eine Reihe starker Befestigungen in Haibar, und diese waren
eine Quelle ständiger Bedrohung für die Muslime. Der Prophet (Friede sei mit
ihm) führte deshalb schließlich eine Armee gegen sie, um diese Gefahr
zu beseitigen. Die Juden lieferten den Muslimen einen hartnäckigen Kampf,
verloren aber eine Festung nach der anderen. Als die stärkste erwies sich die
Festung Qumus, und ihr Kommandant Marhab schlug alle Angriffe zurück.
Schließlich sagte der Prophet, Allahs Segen und Friede auf ihm:
"Morgen übergebe ich die Standarte einem Mann, der von Allah und Seinem
Propheten geliebt wird, und der Allah und Seinen Propheten liebt. Allah wird ihm
den Sieg schenken." Alle waren nun neugierig zu erfahren, wer der Glückliche
war. Am nächsten Morgen wurde 'Ali die Standarte überreicht. Er schlug Marhab
und seinen Bruder und nahm die Festung ein.
'Ali (r) schrieb auch den Friedensvertrag von Al-Hudaibiya: Der Prophet (Friede
sei mit ihm) diktierte die Bedingungen, und 'Ali schrieb sie
nieder. Dabei beanstandeten die Unterhändler der Qurais die Worte "Allahs
Prophet", die jeweils immer dem Namen des Propheten beigefügt worden waren, und
wünschten statt dessen die Worte "Muhammad Ibn 'Abdullah". Der Prophet stimmte
zu, aber 'Ali weigerte sich, die Worte "Allahs Prophet" zu streichen. So mußte
der Prophet schließlich eigenhändig diese Worte auslöschen.
Als der Prophet (Friede sei mit ihm) siegreich in Mekka
einmarschierte, trug 'Ali die Fahne des Islam.
In der Schlacht bei Hunain herrschte zeitweilig eine ähnliche Verwirrung wie bei
Uhud. Aber 'Ali gehörte zu denen, die dicht an der Seite des Propheten
kämpften.
Ali's Ernennung zum Kalifen
Nach 'Utmans Ermordung gab es drei Tage lang keinen Kalifen. Al-Madina befand
sich vollständig in der Gewalt der Aufrührer. Gafqi, der Anführer der
ägyptischen Aufrührer, sprach die Gebete in der Moschee des Propheten, Allahs
Segen und Friede auf ihm. Die meisten Sahaba hatten Al-Madina während der
düsteren Tage der Katastrophe verlassen und die wenigen, die zurückgeblieben
waren, fühlten sich völlig hilflos. Sie saßen in ihren Häusern und ließen die
Rebellen gewähren.
Diese schlugen Ali als Kalifen vor und baten ihn, das Amt anzunehmen. Zuerst
weigerte sich Ali, aber irgend jemand mußte ja dafür sorgen, daß das Leben
wieder normal wurde; denn in der Hauptstadt ging alles drunter und drüber.
Zuerst mußten Friede und Ordnung wieder einkehren. Ali besprach sich mit den
Sahaba, die noch in AI-Madina zurückgeblieben waren, und sie sagten, er solle
sich bereit finden, dem Volk zu dienen.
So willigte Ali schließlich ein, die Verantwortung zu übernehmen und die Sache
der Muslime in die Hand zu nehmen, und stimmte zu, der vierte Kalif des Islam zu
werden. Dann ging Ali (r) in die Moschee des Propheten (Friede sei mit ihm) um den Treueschwur entgegenzunehmen. Malik AI-Astar war der
erste, der ihm die Treue gelobte, andere folgten ihm. Talha und Az-Zubair, die
beiden bekannten Sahaba, waren zu dieser Zeit in AI-Madina. Sie gehörten zu den
sechs Wahlmännern, die damals von 'Umar (r) ernannt worden waren, und 'Ali
wollte sicher gehen, daß sie auf seiner Seite waren. Deshalb ließ er sie rufen.
"Wenn einer von euch Kalif werden möchte", sagte 'Ali zu ihnen, "will ich ihm
Treue geloben."
Beide weigerten sich jedoch, diese Bürde auf sich zu nehmen.
"Dann gelobt mir die Treue", sagte Ali.
Az-Zubair blieb stumm, und Talha zeigte Unwillen. Als Malik Al-Astar dies
bemerkte, zog er sein Schwert und sagte:
"Gelobt 'Ali die Treue, oder ich schlage euch die Köpfe ab!"
Daraufhin leisteten beide den Schwur.
Als nächster wurde Sa'd Ibn Abi Waqqas (r) gerufen, der auch einer der sechs
Wahlmänner war.
"Von mir brauchst du nichts zu befürchten. Wenn andere dir Treue gelobt haben,
dann will ich es auch tun", versicherte er 'Ali.
Nun kam die Reihe an 'Abdullah Ibn 'Umar, der das gleiche sagte.
"Für dich muß jemand bürgen", sagte Ali.
"Ich kann aber keinen Bürgen anbieten", war die Antwort.
Da sprang Malik Al-A5tar auf und rief:
"Überlasse ihn mir, ich schlage ihm den Kopf ab!"
"Nein, nein", sagte Ali, "ich bürge selbst für ihn."
Einige der führenden Al-Ansar legten den Eid nicht ab. Alle Angehörigen der
Familie der Umayyaden flohen nach Syrien; sie nahmen das blutgetränkte Hemd des
letzten Kalifen und die abgeschlagenen Finger seiner Frau Nä'ila mit sich.
Die erste Ansprache
Ali (r) wußte sehr wohl, daß eine schwere Zeit kommen würde. Die Kräfte der
Gesetzlosigkeit waren entfesselt, und ruhelose Arbeit, große Geduld und viel
Einfühlungsvermögen waren nötig, um Gesetz und Ordnung wieder herzustellen.
'Ali hoffte, diese Aufgabe mit Unterstützung seines Volkes zu bewältigen.
Ali in Verlegenheit
"Du bist jetzt Kalif", sagte die Abordnung, "deine erste Pflicht ist es, die Sharia durchzusetzen und die Mörder 'Utmans zu bestrafen. Unter dieser
Voraussetzung haben wir dir die Treue gelobt."
"Ich will 'Uthmans Tod nicht ungerächt lassen", versicherte Ali, "aber ihr müßt
warten; denn die Verhältnisse sind noch nicht normal. Die Aufrührer sind noch zu
mächtig in Al-Madina. Wir befinden uns in ihrer Gewalt, und meine eigene
Stellung ist unsicher. Deshalb wartet bitte noch. Sobald die Verhältnisse es
erlauben, will ich meine Pflicht tun." Diese Antwort stellte nicht alle
zufrieden. Einige meinten, Ali (r) versuche auszuweichen, aber andere
glaubten, dass seine Worte aufrichtig seien. Wieder andere verlangten, dass das
Volk selbst die Sache in die Hand nehmen solle. Wenn 'Ali nicht in der Lage sei,
die Mörder Uthmans zu bestrafen, dann müßten sie es eben selbst tun.
Die Aufrührer erfuhren von diesen Meinungsverschiedenheiten. Sie waren sicher, daß
Ali sie strafen würde, wenn normale Zustände herrschten, und die Fortdauer
der Unruhen war ihre einzige Hoffnung. Um dies zu erreichen, brauchten sie nur
eine Partei gegen die andere auszuspielen. Sie begannen sofort damit und säten
überall Mißtrauen. Ihr Ziel war, die Vertreter der öffentlichen Meinung zu
entzweien; denn nur dadurch konnten sie ihre Sicherheit und ihre Zukunft retten.
Bald nach der Übernahme seines Amtes spürte 'Ali das furchtbare Gewicht der
Schwierigkeiten auf seinem Weg. Die Aufrührer unterstützen ihn; sie waren nach
Al-Madina gekommen, um ihn zum Kalifen zu machen. Aber sie hatten eine Methode
angewandt, die er nicht billigte. Er fühlte, daß er sie bestrafen müsse. Dazu
brauchte er die gemeinsame Unterstützung der Sahaba und all seiner Offiziere.
Dieser Unterstützung war er sich jedoch nicht ganz sicher. Daher mußte er warten
und beobachten. Es gab Leute, darunter einige sehr ehrenwerte, die diese seine
Politik des Zögerns mißverstanden. Sie wünschten ein schnelles Handeln, wie sie
es in den Tagen Abu Bakrs und Umars gesehen hatten. Sie waren sich nicht
bewußt, daß die Verhältnisse jetzt völlig anders waren.
In diesem Dilemma befand sich Ali (r). Sein starker Gerechtigkeitssinn
forderte unnachgiebiges und schnelles Handeln; seine unsichere Lage verbot es.
'Ali sah keinen Ausweg.
Ali nimmt seine Aufgabe in Angriff
Ali (r) glaubte wirklich, daß Uthmans Schwierigkeiten nur durch die Männer in
dessen Umgebung entstanden seien. Unbändiger Ehrgeiz der Familie der Banu Umayya
war für ihn die eigentliche Ursache des Geschehenen. Sie hatte sich
ungebührlichen Vorteil durch den ehrwürdigen alten Mann Uthman (r) verschafft.
Die Männer dieser Familie hatten ihn als ihr Werkzeug benutzt, die Macht an sich
gerissen und sie mißbraucht. Sie waren es, die den Narnen des Kalifen in Verruf
gebracht hatten. Sein tragischer Tod und die fortschreitende Unruhe konnten auf
das Treiben dieser Männer zurückgeführt werden. Sie mußten gehen, wenn die Lage
wieder normal werden sollte. Ali entschloß sich, die Ursache allen Übels an
der Wurzel zu packen. Seine erste Handlung als Kalif war es deshalb, alle
Provinzgouverneure zu entlassen und neue Männer an ihre Stelle zu setzen. Ibn
'Abbas und Al-Mugira Ibn Su'ba, die zu Ali's treuesten Freunden gehörten,
rieten ihm jedoch von übereiltem Vorgehen ab.
"Verlange zuerst von allen Gouverneuren den Treueid", schlugen sie ihm vor,
"wenn du fest im Sattel sitzt, kannst du tun, was du willst. Aber wenn du sie
jetzt entläßt, könnten sie sich weigern, dich als Kalifen anzuerkennen. Uthmans
Ermordung kann leicht als Vorwand genommen werden, den sie dazu benutzen
könnten, um die Waffen gegen dich zu erheben."
Aber Ali (r) hörte nicht auf sie. Er glaubte nicht, daß die Justiz sich auch
von der Zweckmäßigkeit leiten lassen müsse.
Al-Mugira Ibn Su'ba war darüber verärgert, und er warnte den neuen Kalifen, daß
ihn seine hastige Handlungsweise noch in Schwierigkeiten bringen werde. Dann
verließ er Al-Madina und ging nach Mekka.
Kühler Empfang für Ali's neue Gouverneure
Ägypten schien am ehesten auf der Seite Ali's zu sein. Doch als der neue
Gouverneur dort eintraf, fand er eine ganz andere Lage vor. Ein Teil des Volkes
erkannte ihn an, aber eine starke Gruppe verlangte die rasche Bestrafung der
Mörder Uthmans. Sie sagten, ehe das nicht geschehen sei, wollten sie mit dem
neuen Kalifen und seinen Gouverneuren nichts zu tun haben. Eine andere Gruppe
verlangte das Gegenteil. Sie forderte, daß die Mörder überhaupt nicht bestraft
werden sollten.
Der neue Gouverneur von Al-Basra sah sich vor einer ähnlichen Schwierigkeit:
Eine Gruppe im Volk stand hinter den Aufrührern, eine andere war gegen sie. Der
für Al-Kufa ernannte Gouverneur war noch unterwegs, als er auf eine starke
Gruppe mächtiger Männer dieser Stadt stieß.
"Es ist besser, wenn du zurückkehrst", sagten sie.
"Das Volk von Al-Kufa will dich nicht an der Stelle von Abu Musa Al-As'ari
haben. Setze dein Leben nicht aufs Spiel!"
Die Drohung schüchterte den armen, zum Gouverneur bestimmten Mann so ein, daß er
folgsam nach Al-Madina zurückkehrte.
Als der für Syrien ausgesuchte Gouverneur Tabuk erreichte, fand er seinen Weg
von Mu'awiyas Soldaten versperrt. Er zeigte ihnen sein Ernennungsschreiben.
"Wärst du von Uthman ernannt worden, dann wärst du willkommen. Da du aber von
einem anderen geschickt worden bist, tust du besser daran, umzukehren", sagten
sie, und so mußte auch dieser zum Gouverneur Berufene nach AI- Madina
zurückkehren.
Der neue Gouverneur vom Yemen übernahm sein Amt ohne Schwierigkeiten. Aber sein
Vorgänger hatte ihm eine leere Staatskasse hinterlassen.
Mu'awiya erkennt Ali's Kalifat nicht an
Al-Kufa und Syrien waren die beiden Provinzen, die öffentlich die Autorität des
neuen Kalifen mißachtet hatten. 'Ali (r) sandte deshalb Boten zu ihren
Gouverneuren und forderte von ihnen eine Erklärung. Abu Musa Al-As'ari, der
Gouverneur von Al-Kufa, gab eine befriedigende Antwort: Er versicherte dem
Kalifen seine Treue und sagte, daß das Volk den neuen Kalifen anerkannt habe.
Was den Gouverneur von Syrien anbelangst, so hatte 'Ali in seinem Brief an
Mu'awiya geschrieben:
"Gelobe mir deine Treue oder mache dich zum Kampf bereit."
Mu'awiya sandte einen besonders klugen Mann, der seinen Antwortbrief
überbrachte. 'Ali Öffnete ihn und las:
"Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen."
Über diese wenigen Worte war Ali erstaunt.
"Was will Mu'awiya damit sagen?" fragte er den Boten. Dieser stand auf und
sagte:
"Als ich Syrien verließ, weinten 50.000 alte Kämpfer um 'Utman. Ihre Barte waren
feucht von Tränen, und sie haben geschworen, die Mörder des Kalifen zu
bestrafen. Sie werden ihr Schwert nicht eher in die Scheide stecken, als bis sie
Rache genommen haben."
Einer der Männer, die bei Ali saßen, stand auf und sagte:
"Bote von Syrien, glaubst du, daß du uns mit der syrischen Armee
einschüchtern kannst? Bei Allah, Uthmans Hemd ist nicht das Hemd des Propheten Joseph, auch
ist Mu'awiyas Sorge um ihn nicht die Sorge des Propheten Jakob. Wenn man auch in
Syrien um Uthman trauert, gibt es doch auch Leute im Irak, die schlecht von ihm
sprechen."
Die Worte des Boten verletzten auch 'Ali, und er rief aus:
"O Allah, Du weißt sehr gut, daß ich mit Uthmans Ermordung nichts zu tun habe.
Bei Allah, seine Mörder sind entkommen!"
Mu'awiyas Antwort war ein deutlicher Hinweis auf die Absichten des syrischen
Gouverneurs: Ohne Kampf würde er nicht nachgeben. Daher bereitete sich 'Ali
darauf vor. Al-Hasan, sein ältester Sohn, war gegen Blutvergießen. Er bat
seinen Vater, lieber das Kalifat aufzugeben, als einen Bürgerkrieg
heraufzubeschwören.
"Auf die Dauer wird das Volk deine Führung doch anerkennen", fuhr er fort. Ali
stimmte dieser Auffassung seines Sohnes jedoch nicht zu. Der drohende
Zusammenstoß zwischen Ali und Mu'awiya verursachte Unbehagen in AI-Madina.
Jeder wußte, wie mächtig und klug der syrische Gouverneur war; es würde sehr
schwierig sein, ihn in die Knie zu zwingen. Ali meinte, daß er selbst diese
Aufgabe übernehmen sollte. Bald war eine Armee bereit, um gegen die zu kämpfen,
die die Herrschaft des Kalifen nicht anerkannten.
Die Kamelschlacht
A'ischa fordert Vergeltung für Uthman
Als sie auf dem Heimweg die schreckliche Nachricht von seiner Ermordung erhielt,
kehrte sie nach Mekka zurück und wandte sich an eine öffentliche Versammlung.
Sie erzählte den Menschen, wie grausam die Aufrührer gewesen waren, als sie den
Kalifen kaltblütig töteten, dazu noch in der Stadt des Propheten, Allahs Segen
und Friede auf ihm. Sie forderte die Menge auf, den Tod des ermordeten Kalifen
zu rächen. Hunderte von Männern folgten dem Aufruf A'ischas, darunter auch der
Gouverneur von Mekka. In der Zwischenzeit waren auch Talha und Az-Zubair in
Mekka eingetroffen. Sie berichteten A'ischa (r), was sie in Al-Madina gesehen
hatten, und drängten sie, schnell gegen die Aufrührer zu handeln. Sie sicherten
ihr ihre Unterstützung zu und gaben ihr den Rat, nach Al-Basra zu gehen, um
weitere Truppen zur Verstärkung für ihr Vorhaben zu gewinnen. Zu dieser Zeit war
auch 'Abdullah Ibn 'Umar in Mekka. Man versuchte, ihn auf A'ischas Seite zu
ziehen, aber der fromme 'Abdullah (r) weigerte sich, in den Bürgerkrieg
hineingezogen zu werden.
A'ischa (r) machte sich an der Spitze einer starken Streitmacht auf den Weg
nach Al-Basra. Unterwegs stießen weitere Kämpfer zu ihr, und als sie Al-Basra
erreichte, standen 3000 Mann unter ihrer Fahne. Der Gouverneur von Al-Basra
sandte ihr Leute entgegen, um den Grund ihres Besuches zu erfahren. Sie sagte,
sie sei gekommen, um das Volk auf seine Pflicht gegenüber dem ermordeten Kalifen
aufmerksam zu machen. Die Boten fragten dann auch Talha (r) und Az-Zubair (r),
warum sie gekommen seien.
"Wir wollen den Tod Uthmans rächen", erwiderten sie. "Aber ihr habt doch 'Ali
die Treue geschworen", wandten die Boten ein. "Das Gelöbnis wurde unter Druck
abgelegt", sagten die beiden. "Allerdings müßten wir zu unserem Eid
stehen, wenn Ali 'Uthmans Tod gerächt oder uns erlaubt hätte, es zu tun." Der Gouverneur von
Al-Basra entschied, A'ischa Widerstand zu leisten, bis Hilfe von 'Ali kam. Er
führte eine Armee vor die Stadt und machte sich zum Kampf bereit. Als beide
Heere sich gegenüberstanden, richtete A'ischa (r) einen aufrührenden Appell an
die Gefühle des Heeres aus Al-Basra. Sie sprach von Uthmans kaltblütiger
Ermordung und erklärte, daß die Rache notwendig sei. Ihre Rede war so
wirkungsvoll, daß die halbe Armee des Gouverneurs auf ihre Seite trat. Dann
begann der Kampf. Er dauerte bis zum Abend und wurde auch am nächsten Tag
fortgesetzt, bis man endlich mittags Frieden schloß; man kam überein, einen Mann
nach Al-Madina zu schicken, der herausfinden sollte, ob Talha und Az-Zubair
ihren Treueschwur auf Ali aus freiem Willen oder unter Druck abgelegt hätten. Im
ersten Fall sollte A'ischa ihr Heer zurückziehen, im letzteren Fall müßte
der Gouverneur Al-Basra aufgeben.
Der oberste Richter von Al-Basra wurde dazu bestimmt, nach Al-Madina zu gehen
und die Wahrheit herauszufinden, und beide Parteien wollten seinen Bericht
anerkennen. Der oberste Richter war Ka'b Ibn Taur. Er erreichte Al-Madina an
einem Freitag und begab sich sogleich in die Moschee des Propheten, Allahs Segen
und Friede auf ihm. Er stellte sich vor das Volk und sagte: "O Leute, das Volk
von Al-Basra sendet mich, um herauszufinden, ob Talha und Az-Zubair ihren
Treueid freiwillig oder unter Druck geleistet haben."
"Bei Allah !" entgegnete Usama Ibn Zaid. "Er wurde unter Bedrohung mit dem
Schwert abgegeben."
Usamas Worte wurden von einer Anzahl führender Sahaba bestätigt. Der oberste
Richter von Al-Basra sah es somit als erwiesen an, daß die Aussage von Talha und
Az-Zubair richtig war.
A'ischa besetzt Al-Basra :
Als Ali von den Vorgängen in Al-Basra erfuhr, schrieb er dem Gouverneur, er
solle nicht nachgeben.
"Selbst wenn Talha und Az-Zubair zum Treueid gezwungen worden sind", hieß es in
seinem Brief, "für die Einheit der Muslime ist Gewalt nötig. Sie wird jedoch
nicht benutzt, um sie zu entzweien."
Inzwischen war der oberste Richter nach Al-Basra zurückgekehrt. Er bestätigte,
was Talha und Az-Zubair gesagt hatten, und diese verlangten, daß der Gouverneur
sein Wort halten und die Stadt aufgeben solle.
Dieser hatte aber inzwischen gegenteilige Anweisungen erhalten. Seine Pflicht
gegenüber dem Kalifen stellte er über sein gegebenes Wort, und er kämpfte, um
die Stadt zu verteidigen. Er wurde jedoch besiegt und gefangen genommen, und
Al-Basra wurde am 4. des Monats Rabi'u-1-Ahir des Jahres 36 n.H. besetzt.
Talha und Az-Zubair begannen sogleich, nach Leuten zu suchen, die am Aufstand
gegen Uthman (r) teilgenommen hatten, und Hunderte von Männern wurden
aufgegriffen und verhört. Eine große Zahl von ihnen wurde eingesperrt und vor
Gericht gestellt, viele wurden für schuldig befunden und getötet.
Nach der Besetzung Al-Basras richteten A'ischa, Talha und Az-Zubair einen langen
Brief an die Gouverneure der verschiedenen Provinzen des islamischen Reiches, in
dem beschrieben wurde, wie schwer Allahs Hand die Mörder Uthmans in
Al-Basra getroffen habe.
Die Sahaba widersprechen Ali
Die Vorfälle in Al-Basra beunruhigten 'Ali sehr, und er beschloß, zunächst von
Mu'awiya abzulassen, um zuerst im Irak Ordnung zu schaffen. Einen Zusammenstoß
mit A'ischa (r) konnte er leider nicht verhindern. Er rief das Volk von
Al-Madina unter seine Fahne, aber der Widerhall war schwach; denn der Gedanke an
das Unternehmen war für die meisten Sahaba unerträglich. Wie konnten sie mit der
Witwe des Propheten (Friede sei mit ihm) die Schwerter kreuzen? Sa'd Ihn Abi Waqqas (r), der Eroberer Persiens, sagte:
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"Führer der Gläubigen! Ich wünsche ein Schwert, das die Muslime von den
Ungläubigen trennt. Wenn du mir ein solches gibst, kämpfe ich an deiner Seite;
hast du aber kein solches Schwert, dann entschuldige mich bitte." , 'Abdullah
Ibn 'Umar sagte:
"Im Namen Allahs fordere ich dich auf, nichts von mir zu verlangen, was meinem
Gewissen widerspricht."
"Der Gesandte Allahs befahl mir", sagte Muhammad Ibn Muslima, "mein Schwert nur
gegen Ungläubige zu benutzen. Aber er bat mich, es zu zerbrechen, wenn es sich
gegen Muslime richten sollte, und ich habe mein Schwert bereits in Stücke
zerbrochen."
Usama Ibn Zaid rief:
"Bitte befreie mich von dieser Pflicht! Ich habe einen Eid abgelegt, gegen
niemanden zu kämpfen, der sagt: »Es ist kein Gott außer Allah«".
Als Malik Al-Astar erfuhr, was diese Sahaba gesagt hatten, schlug er ´Ali vor,
sie ins Gefängnis zu werfen.
"Nein", erwiderte 'Ali, "ich will sie nicht gegen ihren Willen zwingen."
Die Sahaba widersprechen Ali
"Führer der Gläubigen! Ich wünsche ein Schwert, das die Muslime von den
Ungläubigen trennt. Wenn du mir ein solches gibst, kämpfe ich an deiner Seite;
hast du aber kein solches Schwert, dann entschuldige mich bitte." , 'Abdullah
Ibn 'Umar sagte:
"Im Namen Allahs fordere ich dich auf, nichts von mir zu verlangen, was meinem
Gewissen widerspricht."
"Der Gesandte Allahs befahl mir", sagte Muhammad Ibn Muslima, "mein Schwert nur
gegen Ungläubige zu benutzen. Aber er bat mich, es zu zerbrechen, wenn es sich
gegen Muslime richten sollte, und ich habe mein Schwert bereits in Stücke
zerbrochen."
Usama Ibn Zaid rief:
"Bitte befreie mich von dieser Pflicht! Ich habe einen Eid abgelegt, gegen
niemanden zu kämpfen, der sagt: »Es ist kein Gott außer Allah«".
Als Malik Al-Astar erfuhr, was diese Sahaba gesagt hatten, schlug er ´Ali vor,
sie ins Gefängnis zu werfen.
"Nein", erwiderte 'Ali, "ich will sie nicht gegen ihren Willen zwingen."
Hilfe aus Al-Kufa
Schließlich sandte Ali seinen ältesten Sohn Al-Hasan nach Al-Kufa. Als er dort
ankam, hielt Abu Musa gerade eine Versammlung in der Hauptmoschee ab, in der er
sich scharf gegen den Bürgerkrieg aussprach. Als er geendet hatte, sprang
Al-Hasan nach vorn und erklärte dem Volk, daß sein Vater der rechtmäßige Kalif
sei, daß Talha und Az-Zubair ihr Wort gebrochen hätten und daß es die Pflicht
des Volkes sei, seinem Kalifen im Kampf gegen Ungerechtigkeit zu helfen. Seine
Rede erzielte eine sofortige Wirkung; ein führender Mann von Al-Kufa stand auf
und sagte: "Volk von Al-Kufa! Unser Gouverneur hat recht mit dem, was er
sagt. Aber die Einheit des Reiches ist ebenso notwendig. Ohne sie gibt es keine
Sicherheit für Frieden und Gerechtigkeit. Ali ist der gewählte Kalif. Er ruft
euch auf, mit ihm gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen, und ihr müßt ihm helfen, so
gut ihr könnt."
Diesem Appell folgten ähnliche Aufrufe anderer führender Männer von Al-Kufa. Das
Volk war ergriffen, und bald marschierten 9000 Mann, um sich Ali anzuschließen.
Ali versicherte diesen Männern, daß er alles in seiner Macht
Stehende tun werde, um Blutvergießen zu verhindern; selbst wenn der Kampf
unvermeidlich werde, würde er ihn nach Möglichkeit beschränken.
Die Friedensverhandlungen
"Was wollt ihr wirklich?" fragte der Mann sie und ihre Anhänger.
"Wir wünschen nichts als das Wohlergehen der Muslime", antwortete sie. "Dies ist
nicht möglich, solange Uthmans Tod nicht gerächt ist."
"Das Verlangen nach Vergeltung ist wohl berechtigt. Aber wie könnt ihr Hand an
Übeltäter legen, wenn ihr nicht vorher die Hand des Kalifen stark macht? Ihr
habt ja eure Erfahrungen gemacht, als ihr die Aufrührer in Al-Basra bestraft
habt. Ihr wart hilflos im Fall Harqus Ihn Az-Zubair. Ihr wolltet ihn töten, aber
6000 Mann erhoben sich, um den Angeklagten zu verteidigen, und ihr mußtet ihn
schließlich freilassen. Wenn man euch zwingen kann, das Verbrechen eines
einzigen Mannes zu übersehen, wie könnt ihr dann 'Ali tadeln? Wenn ihr wirklich
die Wirren beenden wollt, dann kommt zur Fahne des Kalifen! Zieht das Volk nicht
in den Bürgerkrieg! Das geht das ganze Volk an. Ich hoffe, daß ihr Frieden und
Ordnung mehr liebt als Kampf und Blutvergießen." A'ischa, Talha und Az-Zubair
waren sehr bewegt von dieser Rede.
"Wenn Ali wirklich bereit ist, Uthmans Tod zu sühnen", erklärten sie, "können
unsere Meinungsverschiedenheiten leicht beigelegt werden."
Der Abgesandte brachte Ali diese hoffnungsvolle Nachricht. Mit ihm kamen auch
einige Männer aus Al-Basra, die sichergehen wollten, daß Ali sie nicht wie einen
unterlegenen Feind behandeln würde. Ali versprach ihnen, daß sie nichts
zu befürchten hätten.
Die Hoffnung auf Frieden wuchs. Aber im Heere Ali's befanden sich Abdullah Ibn Saba' und seine Helfershelfer,
die keinen Frieden wollten und über Ali's Worte nach der Rückkehr des Boten
von Al-Basra sehr beunruhigt waren. Er hatte nämlich zum Volk gesagt:
"Das größte Geschenk Allahs an uns war die Einigkeit. Sie machte uns groß und
stark, sehr zum Mißfallen der Feinde des Islam. Diese haben versucht, unsere
Einigkeit zu zerstören. Hütet euch vor ihnen! Morgen wollen wir in friedlicher
Absicht nach Al-Basra ziehen. Diejenigen, die an der Ermordung Uthmans irgendwie
beteiligt waren, sollten sich von uns trennen."
'Abdullah Ihn Saba' und seine Männer waren über diese Erklärung bestürzt und
trafen sich zu geheimer Beratung. '"Ali will Uthmans Tod rächen", flüsterten
sie sich zu. "Jetzt sagt er dasselbe wie Talha, Az-Zubair und A'ischa. Wir
müssen etwas dagegen tun!"
Am folgenden Tag brach Ali mit seinen Männern nach Al-Basra auf. Talha und
Az-Zubair kamen mit ihrem Heer aus der Stadt heraus, und beide Streitmächte
lagen sich drei Tage lang gegenüber. Die Friedensgespräche wurden fortgeführt,
und am dritten Tag trafen sich die Anführer beider Heere persönlich. Sie ritten
aufeinander zu, und 'Ali, Talha und Az-Zubair standen sich schließlich so dicht
gegenüber, daß sich die Hälse ihrer Pferde berührten.
"Bin ich nicht euer Bruder?" fragte 'Ali die beiden. "Ist das Blut des einen
Muslim dem anderen Muslim nicht heilig?"
Talha entgegnete:
"Aber du hast am Aufstand gegen Uthman teilgenommen."
'Ali fuhr fort;
"Ich verfluche die Mörder Uthmans. O Talha! Hast du mir nicht Treue geschworen?"
"Ja, aber unter dem Druck des Schwertes", erwiderte Talha.
Dann wandte sich 'Ali an den anderen:
"Erinnerst du dich, Az-Zubair, daß der Gesandte Allahs dich eines Tages fragte,
ob du mich liebst? Du sagtest »Ja!«. Da prophezeite er, daß du einmal gegen mich
ohne wirklichen Grund kämpfen würdest."
Az-Zubair antwortete:
"Gewiß! Ich erinnere mich der Worte des Gesandten Allahs."
Nach diesem Gespräch, das die Herzen einander näher brachte, ritten die drei
Männer in ihr Lager zurück. Jeder dachte ernsthaft darüber nach, welches Leid
aus einem Bürgerkrieg entstehen würde. Man spürte, daß der Friede nun nahe war.
Ali (r) war sehr befriedigt über die Unterredung. Er war fast sicher, das
Blutvergießen verhindert zu haben, und gab strenge Anweisung, daß niemand auch
nur einen Pfeil abschießen dürfe. In der Nacht bat er Allah, den Muslimen
die Schrecken eines Bürgerkrieges zu ersparen.
Die Schlacht
Die Nacht kam heran, und beide Heere lagen in tiefem Schlaf. Aber Abdullah Ibn
Saba' und seine Helfer waren die ganze Zeit über wach. Jetzt sahen sie ihre
letzte Gelegenheit gekommen, und die wollten sie sich nicht entgehen lassen. Es
war noch dunkel, als plötzlich das Kirrren von Stahl die Luft erfüllte: Ibn
Saba' und seine Männer hatten einen plötzlichen Angriff auf A'ischas Heer
unternommen, und schnell war die Schlacht in vollem Gange. Talha und Az-Zubair
wurden von dem Lärm überrascht.
"Was ist hier los?" fragten sie.
"Ali's Heer hat einen Nachtangriff begonnen", lautete die Antwort.
"O weh", riefen sie, " man konnte Ali also nicht davon abhalten, das Blut von
Muslimen zu vergießen! Wir haben das die ganze Zeit befürchtet!"
Ali war ebenfalls bestürzt über den plötzlichen Ausbruch des Waffenlärms.
"Was geschieht da?" fragte er.
"Talha und Az-Zubair haben uns überfallen", antworteten die Gefolgsleute Ibn
Saba's.
"O weh", sagte Ali, "nun haben Talha und Az-Zubair sich doch nicht davon
zurückhalten lassen, das Blut von Muslimen zu vergießen! Das hatte ich die ganze
Zeit befürchtet!"
Der Kampf tobte immer heftiger. Muslime töteten andere Muslime, und Hunderte
fielen auf jeder Seite. Auch Talha fiel im Kampf. Az-Zubair floh vom
Schlachtfeld. Der größte Teil von A'ischas Streitmacht schmolz dahin, aber ein
hartnäckiges Gefecht wütete noch rund um ihr Kamel. Sie saß auf dem Rückensitz
des Kamels und leitete den Kampf. Eine große Menge frommer Muslime kämpfte
verzweifelt zu Ehren der Witwe des Propheten (Friede sei mit ihm) -70 Männer
einer nach dem anderen - hielten das Zaumzeug des Kamels und ließen dabei ihr
Leben. Ali's Herz blutete, als er das sah. Das kostbare Leben von Muslimen wurde
für nichts hingegeben. Schließlich befahl der Kalif einem seiner Männer, A'ischas Kamel die Hinterbeine abzuschlagen. Er tat es, und das Kamel
fiel auf die Vorderbeine. Der Rückensitz kam herab, und damit war die Schlacht
zu Ende.
A'ischa (r) wurde unverletzt aus dem Sitz genommen, mit aller Hochachtung, die
ihr gebührte. Ali trat zu ihr hin mit den Worten:
"Wie geht es dir?" "Alles ist in Ordnung", erwiderte A'ischa, "Allah möge dir
verzeihen!"
"Und Er möge auch dir deinen Fehler vergeben", sagte Ali. Dann sah er sich auf
dem Schlachtfeld um. Viele wohlbekannte Sahaba lagen im Staub. Über 10.000 Mann
von beiden Seiten hatten ihr Leben gelassen, darunter einige der besten Männer
des Islam. Ali (r) war davon tief berührt; er sprach für alle Gebete und ließ
sie beerdigen. Seinen Männern verbot er, Beute zu machen; alles, was herumlag,
wurde eingesammelt, und die Leute von Al-Basra bekamen vom Kalifen das zurück,
was ihnen gehörte. Nachdem Az-Zubair das Schlachtfeld verlassen hatte, begab er
sich in Richtung Mekka. Als er in einem Tal anhielt, um zu beten, wurde er,
vertieft im Gebet, von einem Mann mit Namen Amr Ibn Garmaz erschlagen. Amr Ibn
Garmaz brachte dem Kalifen die abgeschlagenen Arme Az-Zubairs in der Hoffnung,
einen Lohn dafür zu erhalten, daß er 'Ali's Rivalen getötet hatte. Aber an
Stelle einer Belohnung erhielt er einen scharfen Verweis.
"Ich sah den Besitzer dieses Schwertes mehrere Male für den Gesandten Allahs
kämpfen", sagte 'Ali, "und ich verkünde seinem Mörder das Feuer der Hölle!
" Nachdem A'ischa (r) sich noch einige Tage in Al-Basra aufgehalten hatte,
schickte 'Ali sie unter der Obhut ihres Bruders Muhammad Ibn Abi Bakr nach
AI-Madina zurück. Kurz vor ihrer Abreise scharte sich eine Anzahl von Männern um
ihr Kamel, und sie richtete folgende Worte an sie: "Ihr habt euch gegenseitig
nichts vorzuwerfen. Bei Allah , zwischen mir und 'Ali hat es keine Feindschaft
gegeben. Ich halte 'Ali für einen guten Mann."
Ali sagte darauf:
"Sie hat ganz recht, und sie nimmt eine hohe Stellung in unserem Glauben ein;
hier auf Erden und in der kommenden Welt ist sie die geehrte Frau des Gesandten
Allahs." 'Ali begleitete A'ischa viele Kilometer weit. Dann begann er, die
Ordnung in Al-Basra wiederherzustellen. Die Stadt hatte die Waffen gegen den
Kalifen erhoben, aber 'Ali erließ eine Generalamnestie. Er hielt eine bewegende
Ansprache in der Hauptmoschee, in der er das Volk aufforderte, sich die
Pflichten gegenüber Allah (t) stets vor Augen zu halten. Er nahm den Treueschwur
vom Volk entgegen und ernannte Abdullah Ibn 'Abbas (r) zum Gouverneur von
Al-Basra. Als die Stadt fiel, hielten sich einige führende Männer der Banu
Umayya in Al-Basra auf, darunter auch der verrufene Marwan. Diese Männer
warteten ab, was geschehen würde. Als der Kalif von ihrer Anwesenheit erfuhr,
gewährte er auch ihnen dieGeneralamnestie. Sie gingen daraufhin nach Syrien und
schlossen sich Mu'awiya an.
Die Schlacht von Siffin
Vorbereitungen zum Kampf
Ali (r) richtete seine Aufmerksamkeit nun auf Mu'awiya. Mit Ausnahme von
Syrien wurde 'Ali jetzt vom ganzen Reich als Kalif anerkannt. Aber der vierte
Kalif kehrte nicht nach AI-Madina zurück, sondern wählte Al-Kufa als Hauptstadt.
Dafür hatte er zwei Gründe: Erstens besaß er hier eine sehr große
Anhängerschaft, und zweitens waren die Staatseinkünfte im Irak reichlicher als
in AI-Madina. Mit ihnen konnte man einen Krieg gegen die reiche Provinz Syrien
leichter führen. Vor einem Krieg wollte 'Ali (r) jedoch alle friedlichen Mittel
ausschöpfen. Er schickte einen Unterhändler zu Mu'awiya, der den syrischen
Gouverneur aufforderte, den neuen Kalifen anzuerkennen. Mu'awiya erwiderte
jedoch:
"Laßt zuerst die Mörder Uthmans bestrafen. Dann laßt die Muslime ihren Kalifen
frei wählen."
Es war klar, daß Mu'awiya den Kalifen so lange wie möglich hinhalten wollte. Er
war seit Umars Kalifat Gouverneur von Syrien und Befehlshaber der syrischen
Armee. Klug und überlegt hatte er sich beim Volk beliebt gemacht. Uthmans
Ermordung gab ihm Gelegenheit, aus seiner Beliebtheit Vorteil zu ziehen.
Mu'awiya war sich seiner Macht bewusst und wollte diese um jeden Preis behalten.
Er würde nur nach hartem Kampf aufgeben.
Ali (r) zog mit einem großen Heer von Al-Kufa aus los. In An-Nahila schloß
sich ihm 'Abdullah Ibn 'Abbas an, der Gouverneur von Al-Basra, und mit ihm seine
Armee. Nachdem 'Ali (r) seine Streitmacht neu geordnet hatte, zog er nordwärts
nach Syrien. Er überquerte den Euphrat und errichtete ein Feldlager bei Siffin.
Mu'awiya war auf den Kampf gut vorbereitet. Die Oberen der Umayyaden, die aus
Al-Madina geflohen waren, hielten sich alle bei ihm auf. Sie standen seit Jahren
im Blickpunkt der Öffentlichkeit, und nun verstärkten sie Mu'awiyas Macht. Er
gewann auch Amr Ibn Al-'As für sich, den Eroberer von Ägypten, der wegen seiner
Staatskunst berühmt war. Mu'awiya stachelte das Volk so auf, daß es fast in
Hysterie verfiel. 'Utmans blutgetränktes Hemd und Na'ilas abgeschlagene Finger
wurden oft in der Hauptmoschee von Damaskus gezeigt, und bewegende Geschichten
wurden über die tragische Ermordung des letzten Kalifen verbreitet. Das Ergebnis
war ein Sturm der Entrüstung, und Tausende von Syrern schworen, den Tod Uthmans
zu rächen. Sie legten einen Eid ab, weder in einem Bett zu schlafen noch ein
kaltes Getränk zu sich zu nehmen, ehe dies nicht geschehen sei. Mu'awiya erfuhr
von Ali's Vormarsch. Er führte ihm ein Heer entgegen, das sich auf der anderen
Seite von Siffin niederließ. Beide Heere waren bereit, sich miteinander zu
messen.
Friedensangebot
"Mu'awiya! Dieses Leben ist kurz. Du mußt vor Allah treten und dich für dein Tun
verantworten. Ich beschwöre dich in Allahs Namen, keine Zwietracht unter den
Muslimen zu säen. Ich bitte dich, vergieße nicht das Blut von Muslimen in einem
Bürgerkrieg."
"Warum hältst du diese Predigt nicht deinem Freund Ali?" fragte Mu'awiya.
"Ali's Fall ist anders als deiner. Er ist ein Mann von großer Gelehrsamkeit.
In der Religion nimmt er eine hohe Stellung ein. Er ist einer der allerersten
Muslime und sehr nah mit dem Propheten verwandt. All dies macht ihn zum am
meisten geeigneten Mann für das Kalifat. Auch du solltest ihm Treue geloben und
dir damit einen guten Namen in dieser und der künftigen Welt machen!"
Mu'awiya erklärte:
"Aber sollte ich das Verlangen aufgeben, Uthmans Tod zu rächen? Bei Allah, das
will ich niemals tun!"
Basir wollte etwas entgegnen, aber sein Begleiter Sait kam ihm zuvor mit den
Worten:
"Mu'awiya, wir wissen gut, was du meinst. Du zögertest, Uthman zu helfen und
bist dadurch mitschuldig an seinem Tod. Und nun nimmst du seine Ermordung als
Vorwand, das Kalifat zu beanspruchen. Bedenke, daß dir diese Handlungsweise
nichts Gutes bringen wird! Sollte es dir nicht gelingen, Kalif zu werden, hast
du ein sehr hartes Los zu erwarten. Aber auch wenn du Erfolg haben solltest,
kannst du dem Feuer der Hölle nicht entgehen!"
Diese Worte machten Mu'awiya sehr ärgerlich.
"O du hochmütiger Bauer", wetterte er, "du hast eine große Lüge aufgetischt. Geh
weg! Das Schwert soll entscheiden!"
Ein Monat Waffenruhe
"Das Leben, die Ehre und das Eigentum eines Muslimbruders seien euch heiliger
als der heilige Monat des Hadsch und das heilige Gebiet von Mekka."
In beiden Armeen waren Männer, die mit eigenen Ohren diese Worte aus dem Munde
des Propheten (Friede sei mit ihm) gehört hatten, und sie hofften
aufrichtig, dass noch ein Weg gefunden würde, den Bürgerkrieg zu verhindern.
Im Monat Du-1-Higga des Jahres 36 n.H. begann der Kampf mit einzelnen Gefechten;
nach einigen Tagen folgten leichte Zusammenstöße kleinerer Kampfgruppen. So zog
sich der ganze Monat Du-1-Higga hin. Als der Neumond des neuen Jahres am Himmel
erschien, wurden die Gefechte eingestellt, und 'Ali und Mu'awiya ließen einen
Monat lang die Waffen ruhen.
Diese Zeit war eine günstige Gelegenheit für neue Friedensgespräche; denn auf
beiden Seiten wollte man keinen Bürgerkrieg. Ali (r) sandte als erster eine
neue Friedensdelegation zu Mu'awiya. 'Adyy Ihn Hatim At-Ta'yy, der sie führte,
sprach zu Mu'awiya:
"O Mu'awiya, wir kommen zu dir mit einem Angebot von Frieden und Liebe. Wenn du
es annimmst, enden die inneren Streitigkeiten der Muslime, und es gibt kein
Blutvergießen. Bedenke, 'Ali ist dein Bruder! Er ist der erste unter den
Muslimen; außer dir und deinen Leuten haben ihn alle als Kalif anerkannt. Gelobe
auch du ihm die Treue, um diese Sache zu beenden. Tust du es nicht, wird es dir
ergehen wie den anderen in der Kamelschlacht."
"Ich bedauere", sagte Mu'awiya, "kommst du, um Frieden zu machen oder um mich zu
bedrohen, 'Adyy? Bei Allah, ich bin der Enkel von Harb, ich fürchte mich nicht
vor dem Krieg!
Ich weiß, daß auch du irgendwie mit der Ermordung 'Utmans zu tun hast. Dafür
wirst auch du zu leiden haben!"
Die übrigen Unterhändler gaben dem Gespräch eine andere Wendung. Sie sagten:
"Mu'awiya, laß diese Dinge beiseite. Sprich lieber darüber, wie man den
Streit beenden kann. Das einzig Notwendige ist der Friede. Auch dir ist Ali's
Gelehrsamkeit und Frömmigkeit bekannt. Kein frommer und gelehrter Mann wird
seine Führerschaft in Frage stellen. Fürchte Allah, Mu'awiya, und gib deine
Opposition gegen 'Ali auf! Wir kennen keinen frommeren und
menschenfreundlicheren Mann als Ali."
Darauf antwortete Mu'awiya:
"Du verlangst von mir, daß ich mich Ali unterwerfe. Das tue ich nicht; denn er
ließ es zu, daß unser Kalif getötet wurde. Es führt nur ein Weg zum Frieden: Ali
soll uns die Mörder Uthmans ausliefern. Sie sind in seinem Lager und sind noch
dazu seine Freunde. Wenn wir sie getötet haben, werden wir Ali
gehorchen."
"Dann würdest du auch einen führenden Mann wie 'Ammar Ibn Yasir töten?" fragte
einer der Abgesandten.
"Was ist denn Besonderes an Ammar?" wollte Mu'awiya wissen. "Ich würde ihn
auch töten, wenn er einen Sklaven Uthmans erschlagen hätte."
"Bei Allah, das ist nicht möglich", gab der Mann zurück, "solange unsere Köpfe
noch auf den Schultern sind und die Erde und der Himmel nicht zu eng für dich
werden!"
"Wenn die Dinge einen solchen Lauf nehmen", sagte Mu'awiya, "dann wirst du es
vor mir spüren."
Damit war auch diese Friedensmission gescheitert.
Das nächste Friedensgespräch ging von Mu'awiya aus und wurde von Habib Ibn
Muslima Al-Fahryy geleitet. Zu Ali gewandt, sagte er:
'Uthman war ein rechtmäßiger Kalif, er folgte dem Buch Allahs und dem Beispiel
des Propheten und gehorchte den Geboten Allahs. Du liebtest ihn nicht, und du
hast ihn zu Unrecht getötet. Wenn du behauptest, du hättest nichts mit seinem
Tod zu tun, dann liefere uns seine Mörder aus. Wir werden sie töten, um Uthman
zu rächen. Danach sollten die Muslime in freier Wahl entscheiden, wer ihr Kalif
sein soll."
Ali (r) war beleidigt und sagte:
"Wer bist du denn, daß du mich aus meinem Amt drängen willst? Solche Worte
stehen dir nicht zu! Bleib friedlich! Mit dir kann man keine Friedensgespräche
führen!"
"Du wirst mich in einer Stellung finden, die dich ärgern wird", entgegnete
Habib, worauf Ali (r) sagte:
"Was kannst du mir schon antun? Geh nur und tu, wozu du fähig bist!"
Ein anderes Mitglied der Abordnung sagte darauf: "Wenn ich nun etwas sage,
erhalte ich dann eine ähnliche Antwort? Nämlich, hast du uns überhaupt etwas
anderes zu sagen?"
"Ja", antwortete Ali, "Allah hat uns in Seiner Güte Seinen Propheten gesandt.
Er zeigte uns den Weg der Wahrheit. Nach ihm kamen die Kalifen Abu Bakr und
'Umar, und sie waren gerechte Herrscher. Ich hatte etwas gegen sie; denn da ich
ein naher Verwandter des Propheten bin, habe ich geglaubt, es sei mein Recht,
Kalif zu werden. Aber beide waren gute Kalifen, und ich fand mich mit ihnen ab.
Dann kam Uthman. Er tat einiges zum Schaden des Volkes, und deshalb wurde er
erschlagen. Danach wandte man sich an mich. Ich hatte nichts mit dieser Untat zu
tun, und sie bedrängten mich, das Kalifat zu übernehmen. Zuerst weigerte ich
mich, aber als ich sah, daß kein anderer Mann dafür in Frage kam, willigte ich
ein, die Bürde auf mich zu nehmen. Talha und Az-Zubair gelobten mir die Treue,
dann waren sie gegen mich. Und jetzt stellt Mu'awiya sich mir entgegen. Er ist
weder einer der ersten Anhänger des Islam, noch hat er etwas Besonderes für
unseren Glauben geleistet. Er, sein Vater und seine ganze Familie waren lange
Zeit Gegner Allahs, Seines Propheten und der Muslime. Sie kamen zum Islam erst,
als sie keine andere Wahl mehr hatten. Es ist wirklich seltsam, daß ihr auf
Mu'awiyas Seite steht und gegen die Verwandten des Propheten seid. Ich fordere
euch auf, nach dem Buch Allahs und dem Beispiel des Propheten zu handeln! Ich
rufe euch auf, der Sache der Wahrheit zu helfen und gegen die Unwahrheit zu
kämpfen!"
"Aber was ist deine Meinung über Uthmans Mörder?" wollte einer der Abgesandten
wissen. "War Uthmans Ermordung nicht eine Ungerechtigkeit?"
Ali (r) erwiderte: ; ;
"Darüber sage ich nichts. Ich sage weder, daß es gerecht noch daß es ungerecht
war."
Diese Äußerung des Kalifen beleidigte die Unterhändler so sehr, daß sie
aufstanden, um wegzugehen.
"Wir haben nichts mit einem Mann zu tun, der nicht der Meinung ist, daß
Uthman
zu Unrecht getötet wurde", erklärten sie, als sie hinausgingen.
Dann sprach Ali (r) die folgenden Verse des Qur'an (Sure 30, Vers 52 und 53):
"Weder kannst du die Toten hörend machen, noch kannst du die Tauben den Ruf
hören lassen, wenn sie (Allah) den Rücken kehren, noch wirst du die Blinden aus
ihrem Irrweg leiten können. Nur die wirst du hörend machen, die an Unsere
Zeichen glauben und sich (Uns) ergeben."
Mit dem Fehlschlag dieser Mission waren die Friedensgespräche wieder zu Ende,
und keine der beiden Seiten unternahm einen weiteren Versuch zur Verständigung.
Die Schlacht
Am Abend des letzten Tages des Al-Muharram im Jahre 37 n.H. gab Ali (r) seinem
Heer den Befehl, die syrische Armee am nächsten Morgen anzugreifen. "Sie haben
genug Zeit zum Nachdenken gehabt", erklärte er. Am Dienstag, dem ersten Safar,
begann die Schlacht. Nach einer Woche des Kampfes war noch kein klarer Vorteil
für eine der beiden Seiten zu erkennen. Am achten Tag hielt Ali (r) eine
aufrüttelnde Rede, und dann führte er persönlich einen Generalangriff. Auf der
anderen Seite übernahm Mu'awiya die Führung. Der zähe Kampf dauerte den ganzen
Tag über, und keine Seite erlangte einen Vorteil. Die hereinbrechende Nacht
beendete das Gefecht.
Früh am anderen Morgen wurde der Kampf so hart wie vorher weitergeführt, und Ali's Heer ließ schließlich Anzeichen von Schwäche erkennen. Aber 'Ali (r)
stürmte vorwärts, und sein Beispiel ermutigte die verzagten Männer, so daß sie
den Feind mit erneuter Kampfeswut angriffen. Bald erzwangen sich einige von
ihnen den direkten Weg zum Zelt Mu'awiyas. Der Kampf wurde diesmal nicht
abgebrochen, sondern wütete mit Heftigkeit die ganze Nacht hindurch, und selbst
am nächsten Morgen hörte der Waffenlärm nicht auf. Menschen und Tiere waren
ermüdet, aber keine Seite wollte sich ohne Entscheidung zurückziehen. Ali's
Heer hatte nun einen klaren Vorteil; er und seine Generäle starteten einen
kraftvollen Angriff.
Mu'awiyas Truppen wankten unter der Gewalt des Ansturms, und an diesem Tag
schien Mu'awiya klar zu verlieren. Eilig beriet er sich mit 'Amr Ihn AI-'As,
dann gab er seinen Männern ein Zeichen. In wenigen Minuten machte sein Wort die
Runde, und an den Speeren der Syrer wurden Qur'an-Bücher sichtbar. "Dies ist das
Buch Allahs des Allmächtigen", riefen sie. "Laßt es zwischen uns
entscheiden. Wer soll die westlichen Grenzen verteidigen, wenn wir vernichtet
werden und wer die östliche, wenn es euch trifft?" Ali (r) rief aus:
"Dies ist eine vom Feind aufgestellte Falle! Fallt nicht hinein, kämpft weiter!
Der Sieg ist schon in Sicht! Ich kenne Mu'awiya, 'Amr Ibn Al-'As, Habib Ibn
Muslima, Ibn Abi Sara und Ibn Abi Sa'id von Kindheit an. Dies ist eine List, die
euch täuschen soll!"
Aber viele seiner Leute weigerten sich, auf ihn zu hören.
"Wie ist das möglich", schrieen sie, "wir werden aufgerufen gegen das Buch
Allahs! Wie sollen wir dagegen kämpfen?" Als Ali (r) seinem Befehl, den Kampf
fortzuführen, Nachdruck verlieh, sagten diese Leute:
"Entweder befiehlst du die Einstellung des Kampfes, oder wir machen mit dir das
gleiche wie mit Uthman!"
Ali (r) fühlte sich hilflos - seine eigenen Männer halfen seinen Gegnern. Sie
zwangen ihm eine Entscheidung auf, von der er wußte, daß sie falsch war, aber er
hatte keine andere Wahl. Widerwillig ließ er schließlich den vorgedrungenen
Teilen seines Heeres sagen, daß sie den Kampf einstellen und sich zurückziehen
sollten.
Der Schiedsrichter
Dessen Antwort war:
"Ich meine, daß jede Partei einen Richter ernennen sollte. Die beiden Richter
sollten unter Eid erklären, daß sie sich vom Buch Allahs leiten lassen wollen.
Das Urteil, das sie abgeben, soll für beide Parteien bindend sein." Mu'awiya
ernannte 'Amr Ibn Al-'As. Keiner seiner Gefolgsleute hatte etwas an dieser Wahl
auszusetzen. Aber in Ali's Feldlager war es anders. Ali schlug 'Abdullah Ibn
'Abbas vor.
"O, er ist mit dir verwandt", riefen seine Anhänger, "der Richter sollte ein
unbefangener Mann sein!"
"Glaubt ihr, daß 'Amr Ibn Al-'As unparteiisch ist?", fragte Ali. "Dafür müßte
man die Syrer rügen, aber nicht uns", sagten sie.
"Nun, dann soll Malik Al-Astar Richter sein", schlug Ali vor, "er ist nicht
mit mir verwandt."
"Was für ein Vorschlag! Malik Al-Astar ist die Ursache allen Übels", riefen sie
aus und schlugen Abu Musa Al-As´aryy vor.
"Auf sein Urteil kann ich mich aber nicht verlassen", wandte Ali ein, "er ist
zu arglos."
Aber seine Männer wollten sich auf keinen anderen Namen einlassen, und
widerstrebend mußte Ali (r) schließlich zustimmen. Er sagte:
"Tut, was ihr wollt."
Am 13. des Monats Safar im Jahre 37 n.H. wurde eine Übereinkunft von den
führenden Männern beider Parteien unterzeichnet. Darin hieß es, daß die Richter
ihr Urteil bis zum Monat Ramadan fällen sollten. Der Spruch sollte in einem Ort
an der Grenze zwischen Syrien und Irak veröffentlicht werden.
Entzweiung in Ali's Lager
Al-As'at Ibn Qais wurde von Ali (r) beauftragt, den verschiedenen Stämmen im
Lager zu erklären, was vereinbart worden war. Der Stamm der Anzsar hatte 4000
Mann geschickt, um für Ali zu kämpfen. Als diesem Stamm die Abmachung
vorgelesen wurde, standen zwei Brüder auf und riefen aus:
"Wir sind nicht bereit, eine andere Entscheidung als die Allahs anzuerkennen.
Warum macht Ali die Menschen zu Schiedsrichtern, statt auf Allahs Befehle zu
hören? Wenn er das tut, was soll dann aus unseren Männern werden, die ihr Leben
seinetwegen hingegeben haben?" Viele andere Stämme sagten dasselbe. Ein großer
Teil der Leute war gegen einen Schiedsspruch, und sie sagten, Ali hätte einer
Regelung zugestimmt, die gegen den Geist des Islam sei.
Einige sagten zu Ali:
"Bitte halte dich nicht an diese Übereinkunft! Wir fürchten, daß sie dir
schadet!"
"Ihr wart es ja gerade", erwiderte er, "die mich zu dem Übereinkommen gezwungen
haben! Nachdem ich nun mein Ehrenwort gegeben habe, verlangt ihr von mir, daß
ich es breche. Das kann ich nicht tun!" Ali's Anhänger spalteten sich bald in
zwei Gruppen: Die eine stand zum Abkommen, während die andere es als etwas
Unreligiöses ansah. Im ganzen Islamischen Reich fielen böse Worte für und gegen
die Vereinbarung; aus Worten wurden gelegentlich Schläge, und ernsthafte
Krawalle brachen aus.
Als Ali (r) wieder in seiner Hauptstadt Al-Kufa war, erhob sich eine starke
Gruppe gegen ihn wegen des Abkommens. Etwa 12.000 Mann verließen ihn und
bildeten eine neue Partei mit Sait Ibn Rabi als ihrem Führer. 'Abdullah Ibn
Kawai As-Sakryy wählten sie, die Gebete zu leiten. Ihre Politik war; "Allah
allein gehört der Gehorsam. Unsere Pflicht ist es, anderen zu sagen, daß sie
Gutes tun und Böses meiden sollen. Ali und Mu'awiya irren sich beide.
Mu'awiyas Irrtum besteht darin, daß er den rechtmäßigen Kalifen Ali nicht
anerkennt. Und Ali's Irrtum ist die Aufnahme von Friedensgesprächen mit
Mu'awiya, den man hätte erschlagen müssen. Er hat eine klare Forderung des
Qur'an mißachtet und Menschen zu seinen Richtern bestellt. Wir wollen zuerst
gegen diese beiden Männer kämpfen. Wenn wir die Macht erzwungen haben, werden
wir eine soziale Ordnung m Übereinstimmung mit dem Buch Allahs errichten." Ali
(r) beauftragte 'Abdullah Ibn 'Abbas, diese Abweichler von ihrem Mißverständnis
zu befreien, und diese verwickelten ihn in eine lang andauernde
Auseinandersetzung. Daraufhin ging Ali selbst in ihr Lager und versicherte
ihnen, daß der Schiedsspruch nur angenommen würde, wenn er genau mit dem Buch
Allahs übereinstimme. Nach dieser Versicherung konnten die Abweichler keine
weiteren Bedenken mehr vorbringen, und unter großen Schwierigkeiten gelang es
'Ali, diese Männer nach Al-Kufa zurückzubringen. Die Hauptstadt des Kalifen bot
einen bemitleidenswerten Anblick. Es gab kaum eine Familie in Al-Kufa, die nicht
einen Vater, einen Bruder oder einen Sohn in Siffin verloren hatte. Bittere
Klagen über diese Verluste waren überall zu hören. Die Tatsache, daß der Kalif
mit leeren Händen zurückgekehrt war, vertiefte die allgemeine Schwermut nur
noch. Das Schlimmste war jedoch diese unglückliche Zersplitterung in Ali's
Lager. All dies zusammen bewirkte eine Mutlosigkeit, von der sich Ali's
Anhänger nie mehr erholen konnten.
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Der Urteilsspruch
Abu Musa sagte:
"O ' Arnr, wir haben genug vom Bürgerkrieg. Laß uns etwas tun, seine Wunden zu
heilen."
Amr antwortete:
"Ich stimme völlig mit dir überein. Es ist besser, wenn wir genau festlegen,
worin wir übereinstimmen. Laß deshalb einen Schreiber diese Punkte
niederschreiben."
Der Schreiber kam und begann, die Punkte festzuhalten, in denen beide
übereinstimmten. Das war zuerst der Glaube an die Sendung des Propheten (Friede
sei mit ihm) und die Echtheit seiner Botschaft. Dann folgte die
Feststellung, daß Abu Bakr (r) und Umar (r) rechtmäßige und gerechte Kalifen
gewesen waren. Dann kam Amr auf Uthman (r) zu sprechen und sagte:
"Uthman wurde mit allgemeiner Zustimmung der Muslime gewählt, und er war ein
aufrichtiger Muslim."
Abu Musa: "Dieser Punkt steht im Augenblick nicht zur Diskussion."
Amr: "Aber wenn du ihn nicht als Rechtgläubigen bezeichnest, war er dann ein
Ungläubiger?"
Abu Musa: "Also gut, dann soll der Schreiber das auch niederschreiben."
Amr: "Dann gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder wurde er zu Recht oder zu
Unrecht erschlagen."
Abu Musa: "Ja, er wurde zu Unrecht erschlagen."
Amr: "Wenn jemand zu Unrecht getötet wurde, gibt Allah seinen Erben das Recht,
ihn zu rächen."
Amr: "Du weißt, daß Mu'awiya der nächste Blutsverwandte Uthmans ist."
Abu Musa: "Ja, auch das ist wahr."
Amr: "Dann hat Mu'awiya das Recht, Hand an die Mörder Uthmans zu legen, wer es
auch immer sei, und wo er sie auch immer finden mag."
Abu Musa: "Das ist ebenfalls richtig. Aber, Amr, dieser Streit hat sich als
eine Plage für das Volk erwiesen. Laß uns das Volk davon befreien und einen Weg
finden, es wieder glücklich zu machen."
Amr: "Kannst du einen Vorschlag machen?"
Abu Musa: "Ja. Ich bin sicher, daß die Syrer 'Ali niemals lieben werden und daß
das Volk des Irak Mu'awiya niemals anerkennen wird. Wir sollten also diese
beiden Namen fallen lassen und 'Abdullah Ibn 'Urnar zum Kalifen machen."
Amr: "Wird er Kalif werden wollen?"
Abu Musa: "Ich hoffe es, vorausgesetzt, daß wir alle zu ihm hingehen und ihn
darum bitten."
Amr. "Aber warum nicht Sa'd Ihn Abi Waqqas?" Abu Musa war mit Sa'ds
Namen nicht einverstanden. Amr schlug noch einige andere Namen vor, aber Abu Mus a stimmte
keinem zu. Beide Richter konnten sich nicht darüber einig werden, wer Kalif
werden sollte.
"Welche andere Lösung hältst du dann für möglich?" fragte ´Amr.
Abu Musa antwortete:
"Nach meiner Meinung kommen weder Ali noch Mu'awiya in Frage. Wir sollten dem
Volk erlauben, selbst einen Kalifen zu wählen."
"Ich bin damit vollkommen einverstanden", sagte Amr. Nun konnte der
Schiedsspruch bekannt gegeben werden.
Amr forderte Abu Musa auf, zuerst zu sprechen. Dieser stand auf und sagte:
"Wir sind übereingekommen, weder 'Ali noch Mu'awiya als Kalifen anzuerkennen.
Ihr solltet einen anderen wählen, der euch geeignet erscheint."
Dann stand Amr auf und sprach:
"Ich halte Ali nicht für geeignet, Kalif zu sein. Nach meiner Meinung ist
Mu'awiya der richtige Mann für dieses Amt."
Diese Worte verursachten einen großen Aufruhr. Der Schiedsspruch erwies sich als
üble Täuschung, und die Hoffnung auf Frieden und Ordnung war wieder geschwunden.
Alle ehrbaren Leute verließen den Platz voller Abscheu.
Die AI-Hawarig
"Wir haben Ali gebeten, die Vereinbarung als ungültig zu betrachten, aber er
hörte nicht auf uns. Nun erklärt er, daß der Schiedsspruch gegen das Buch Allahs
ist, und gibt damit zu, was wir von Anfang an gesagt haben. Nun sollte er seine
Schuld bekennen und sie bereuen. Wenn er das tut, sind wir auf seiner Seite,
wenn nicht, werden wir gegen ihn kämpfen." Das Zentrum der Hawarig wurde in
Nahrawan errichtet. Sie predigten ihre religiöse Auffassung und gewannen
ziemlich an Einfluß. Ungläubige ließen sie in Frieden, aber sie waren sehr hart
gegen Muslime, die anderer Meinung waren als sie. Solche Muslime waren in ihren
Augen Widersacher des rechten Glaubens und wurden von ihnen mit dem Schwert
bekämpft.
In gewissem Sinne waren die Hawarig strenge Puritaner. Sie sprachen lange
Gebete, kleideten sich einfach und waren äußerst rechtschaffen in ihrem
Verhalten. Aber Treue zu einem Kalifen war in ihren Augen ein Verbrechen, und
sie betrachteten dies als "Personenkult". Kaltblütig töteten sie Männer und
Frauen, die sagten, daß sie Anhänger des Kalifen seien. Ali (r) mußte noch mit
Mu'awiya abrechnen. Aber die Gefahr, die von den Hawarig ausging, war viel
ernster, und sie erforderte höchste Aufmerksamkeit. Der Kalif konnte nicht nach
Syrien ziehen, ohne zuvor diese Gefahr beseitigt zu haben. So führte er also ein
Heer nach Nahrawan. Zuerst sandte er jedoch zwei ausgewählte Sahaba zu den
Führern der Hawarig, um sie zu überreden, Vernunft anzunehmen. Aber sie wollten
nicht hören. Dann schickte Ali (r) einen Boten, der sagte:
"Übergebt uns die Männer unter euch, die Muslime erschlagen haben. Wir werden
sie töten und die übrigen in Frieden lassen."
Darauf antworteten sie:
"Wir alle haben das Blut deiner Anhänger vergossen, und wir werden es auch
weiter tun."
Ali (r) sah, daß der Kampf unvermeidlich war. Er erklärte den Hawarig, daß
jedem von ihnen, der nach Al-Kufa oder Al-Mada'in käme oder ihre Armee verlassen
würde, Sicherheit für sein Leben garantiert würde. Auf dieses Angebot gingen
viele ein, so daß noch 3000 Hawarig zurückblieben. Die Schlacht begann, und die
Hawarig kämpften verzweifelt. Ali (r) selbst erschlug die meisten ihrer Führer,
und ihr Heer wurde völlig vernichtet. Ali (r) schickte ihre
Verwundeten zu ihren Verwandten. Mit dieser Niederlage war jedoch der Widerstand
der Hawarig noch nicht gebrochen. Sie verteilten sich über das Reich und
predigten den Ungehorsam gegen die Gesetze des Staates. Einer ihrer Führer,
Hara'it, forderte zur Anarchie auf. "Alle Gewalt gehört Allah", leitete er vom
Qur'an ab, "daher brauchen wir keine Regierung."
Ali (r) setzte Truppen gegen Hara'it und andere Hawarig ein,-und Hara'it wurde
getötet, aber die Hawarig sorgten weiter für Unruhe.
Ali's Macht nimmt ab
"Wir sind erschöpft von den ständigen Kämpfen", erklärten sie, "gib uns etwas
Zeit zum Ausruhen." Das Feldlager des Kalifen befand sich in An-Nahla, einige
Meilen von der Hauptstadt entfernt. Von hier aus zog es die Männer nach Al-Kufa,
und schließlich mußte Ali sich auch dorthin begeben. Nach einiger Zeit bat er
die Männer, sich für den Feldzug nach Syrien bereit zu machen. Aber die
führenden Männer Al-Kufas zeigten keine Neigung dazu, und seine beredeten
Appelle trafen auf taube Ohren. Je mehr Zeit verging, desto klarer wurde es Ali, daß er niemals in der Lage sein würde, eine zweite Armee gegen Mu'awiya
zu führen.
Verlust Ägyptens
In einem Brief bat Ali (r) daher Qais, Maßnahmen gegen Harbata zu ergreifen.
Der Gouverneur erwiderte, daß dies nach seiner Meinung kein kluger Schritt sei.
Die Leute um 'Ali sahen in diesem Antwortbrief jedoch den Beweis dafür, daß
Qais mit Mu'awiya sympathisiere, und dieser nutzte diese Situation sofort zu
seinem Vorteil aus. Er wußte, wie fähig Qais war; wenn dieser in Ägypten bliebe,
würde sich seine eigene Lage verschlechtern; denn die Armeen von Irak und von
Ägypten zusammen könnten ihn leicht vernichten. Darum beschloß Mu'awiya, Qais
aus Ägypten zu verdrängen; er streute daher das Gerücht aus, daß Qais einer
seiner Männer sei, und sorgte dafür, daß Ali (r) diese Geschichte zu Ohren kam.
Die Falle war klug gestellt, und Ali (r) fiel hinein: Er entließ Qais.
Muhammad Ibn Abi Bakr war der nächste Gouverneur Ägyptens. Er war ein
unerfahrener junger Mann. Als erstes unternahm er eine Strafaktion gegen
Harbata. Inzwischen fand die Schlacht von Siffin statt, aber der Gouverneur
Ägyptens war daheim so beschäftigt, daß er 'Ali nicht die geringste Hilfe
leisten konnte - Mu'awiyas Verleumdung hatte vollen Erfolg gehabt. Nun erkannte
'Ali seinen Fehler; er fühlte, daß Ägypten in fähigere Hände gehört hätte.
Daher ersetzte er nach der Rückkehr von Siffin Muhammad Ibn Abu Bakr durch Malik
Al-Astar. Malik war ein starker Mann, und seine Treue zu Ali war erprobt.
Durch ihn entstand nun wieder Gefahr für Mu'awiya. Wie könnte er mit einem Mann
wie Malik fertig werden? Zweifel an dessen Treue zu 'Ali konnte er diesmal
nicht säen. Daher griff er zu einer Geheimwaffe - Gift: Malik starb auf dem Weg
nach Ägypten durch Gift.
Sein Tod zwang Ali (r), Muhammad Ibn Abu Bakr in seinem Amt zu belassen. Er
versicherte ihm, daß seine Ablösung nicht auf Mißfallen zurückzuführen war, und
daß es nur eine Maßnahme zur Verbesserung der Lage gewesen sei, womit sich
Muhammad zufrieden gab. Nach dem Schiedsspruch im Anschluß an die Schlacht von
Siffin erhob Mu'awiya offen Anspruch auf das Kalifat. Sein erstes Ziel war
Ägypten. Hier war die Lage so schlecht, wie er sie sich nur wünschen konnte. Er
schrieb der Stadt Harbata, sie solle sich zu einem Aufstand bereithalten, und
schickte ihr seine eigene Armee unter Amr Ibn Al-'As zur Unterstützung.
Muhammad Ibn Abi Bakr bat 'Ali schriftlich um sofortige Hilfe. Aber die einzige
Unterstützung, die er erhielt, war ein Aufruf des Kalifen, so tapfer wie möglich
zu kämpfen. Inzwischen war 'Amr, der Ägypten für das Islamische Reich erobert
hatte und lange Zeit dort Gouverneur gewesen war, mit einer Armee von 6000 Mann
in das Land eingefallen. Gleich bei seiner Ankunft stießen 10.000 Krieger von
Harbata zu seiner Armee.
Muhammad Ibn Abu Bakr konnte nur 2000 Mann aufbringen, um Amr aufzuhalten, und
sie wurden mit Leichtigkeit besiegt. In der Zwischenzeit hatte er weitere 2.000
Mann aufgeboten, die er selbst anführte. Schon auf dem Anmarsch erreichte ihn
jedoch die Nachricht von der Niederlage der ersten Armee. Daraufhin ergriff sein
ganzes Heer die Flucht, und er selbst wurde als hilfloser Flüchtling gefangen.
Sein Bruder 'Abdurrahman Ibn Abu Bakr, der auf Mu'awiyas Seite stand, forderte,
daß das Leben seines Bruders geschont werden solle.
"Nein", antwortete Mu'awiya, "er ist einer der Mörder Uthmans! Er muß dies mit
seinem Leben bezahlen." Daraufhin wurde Muhammad Ibn Abu Bakr gnadenlos
hingerichtet. Mu'awiya wurde im Jahre 38 n.H. Herrscher Ägyptens. Ali (r)
verlor damit die wichtigste islamische Provinz.
Unruhen im Lande
Um das Jahr 39 n.H. war Mu'awiya in der Lage, Ali's Feldlager anzugreifen, und
er schickte starke Abteilungen zu Überfällen auf das Gebiet des Kalifen. Eine
dieser Gruppen drang nach Osten bis in die Gegend von Al-Basra vor. Aus
verschiedenen Richtungen kamen dringende Hilferufe, und mit feurigen Worten
versuchte der Kalif, seine Anhänger aufzurütteln, aber sie ließen sich nicht zur
Unterstützung bewegen. Mu'awiyas Überfälle verängstigten das Volk. Die Unruhe
war weit verbreitet, und von Tag zu Tag wurde der Kalif hilfloser und konnte
nicht das tun, was er durchzuführen gedachte.
In diesem Jahr sandte der Kalif wie üblich einen Abgesandten zum Hadsch nach
Mekka, der stellvertretend für ihn den Hadsch leiten sollte. Mu'awiya, der das
Kalifat beanspruchte, schickte ebenfalls einen Mann zu diesem Zweck dorthin, und
jeder von ihnen behauptete, ein Abgesandter des rechtmäßigen Kalifen zu sein.
Schließlich leitete eine dritter Mann, Saiba, der Enkel von Talha, den Hadsch.
So verlor Ali (r) auch dieses Symbol des Kalifats.
Verlust des Al-Higaz und des Yemen
Ali's Schwierigkeiten machten Mu'awiya übermütig. Im Jahre 40 n.H. sandte er
den rücksichtslosen Basr mit 3000 Mann in den Al-Higaz. 'Ali's Abgesandter aus
Al-Madina, Abu Ayyub, konnte den Eindringling nicht aufhalten, und er floh nach
Al-Kufa. Basr besetzte Al-Madina und zwang das Volk, Mu'awiya den Treueschwur zu
leisten. Er stellte sich in die Moschee des Propheten (Friede sei mit ihm) und rief:
"Wo ist Uthman heute? Er war hier bis gestern, wo ist er jetzt? Wenn Mu'awiya es
mir nicht unter Eid verboten hätte, würde ich nicht einen einzigen erwachsenen
Bewohner der Stadt am Leben lassen!" Von AI-Madina zog Basr nach Mekka. Auch
hier fand er keinen Widerstand; er nahm die Stadt ein und nahm den Treueid für
Mu'awiya entgegen. Sein nächstes Ziel war der Yemen, wo 'Ubaidullah Ibn 'Abbas
Gouverneur war. Dieser floh nach Al-Kufa, als er von Basrs Vormarsch erfuhr.
Basr drang in die Hauptstadt des Yemen ein und erschlug Hunderte von Ali's
Anhängern; er verschonte nicht einmal die beiden kleinen Söhne von Ibn 'Abbas
(r).
Eine andere Armee Mu'awiyas unter Sufyan Ibn 'Auf überrannte den Südirak. Städte
wie Al-Mada'in und Al-Anbar wurden geplündert. Von allen Teilen des Reiches
kamen alarmierende Nachrichten: Das Kalifat war von allen Seiten bedroht.´ Ali
(r) stand vor einer schweren Aufgabe. Er sandte Garya mit 2000 Mann zum Kampf
gegen die Eindringlinge. Als diese Streitmacht in den Yemen kam, zog sich Basr
eilends nach Syrien zurück. Garya setzte seinen Vormarsch nach Mekka fort. Bald
nachdem er die heilige Stadt betreten hatte, erreichte ihn die Nachricht vom
Tode 'Ali's, und dies beendete Garyas Feldzug.
Ali's Tod
Die Hawarig waren ebenso gegen Ali wie gegen Mu'awiya, und den Bürgerkrieg,
der ihnen endlos erschien, fanden sie abscheulich. Nach ihrer Niederlage in
Nahrawan trafen sich einige von ihnen in Mekka, um über die Lage nachzudenken.
Die Aussichten waren düster - darüber waren sie sich alle einig, und sie
beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen.
"Mu'awiya, 'Amr Ibn Al-'As und 'Ali sind die Hauptfiguren in diesem Drama",
erklärten sie. "Wenn man diese drei Männer beseitigt, wird die Welt des Islam
all ihre Unruhen los."
Drei der Hawarig erklärten sich bereit, dies zu übernehmen; 'Abdurrahman Ibn
Mulgam sollte 'Ali (r) erschlagen, Bark Ibn 'Abdullah sollte Mu'awiya töten,
und 'Amr Ibn Bark sollte Amr Ibn Al-As umbringen. Der 17. Ramadan des Jahres 40
n.H. wurde für die Tat festgesetzt, und zwar sollten die drei Männer getötet
werden, wenn sie zum Morgengebet in die Moschee kämen. Ibn Mulgam kam nach
Al-Kufa und wohnte dort bei einer Hawarig-Familie. Er verliebte sich in ein
schönes Mädchen der Familie und sprach zu ihr von Heirat.
"Dafür mußt du mir aber einen Brautpreis zahlen", sagte das Mädchen.
"Und wie hoch soll dieser sein?" fragte Ibn Mulgam.
"Unter anderem", antwortete das Mädchen, "will ich Ali's Kopf!"
"Ausgezeichnet!" rief Ibn Mulgam. "Ich bin nur zu diesem Zweck hier."
Mit Hilfe des Mädchens und seiner Familie traf er seine Vorbereitungen. Am 17.
Ramadan führten die drei Hawarig ihre mörderischen Anschläge auf ihre Opfer aus.
Mu'awiya entkam mit einer leichten Verwundung; der Attentäter wurde gefaßt und
getötet. 'Amr Ibn Al-'As war an diesem Tage krank, und ein anderer, der an
seiner Stelle das Morgengebet leitete, wurde erschlagen. Auch dieser Mörder
wurde ergriffen und hingerichtet. Ibn Mulgam hatte sich mit zwei anderen Hawarig
während der ganzen Nacht in der Hauptmoschee von Al-Kufa versteckt. Wie üblich
kam Ali (r) am Freitagmorgen zur Moschee. Er ging um die Moschee, um den
Leuten zu sagen, daß sie sich zum Gebet fertig machen sollten. Da sprang
plötzlich einer von Ibn Mulgams Mitverschwörern auf ihn zu, schlug mit dem
Schwert auf ihn ein und verwundete ihn am Kopf. 'Ali (r) stürzte zu Boden, und
jetzt fiel Ibn Mulgam über ihn her und hieb ihm mit dem Schwert auf den Kopf -
Blut strömte hervor, und 'Ali's Bart färbte sich dunkelrot. "Haltet meinen
Mörder!" schrie der Kalif den Umstehenden zu, die vor Entsetzen wie gelähmt
waren, und Ibn Mulgam und seine Helfer wurden überwältigt. Schwer verwundet
wurde 'Ali (r) nach Hause getragen. Dann ließ er seinen Mörder zu sich bringen
und sagte: "Tötet ihn, wenn ich sterbe, aber wenn ich am Leben bleibe, will ich
selbst mit ihm abrechnen, sobald ich dazu in der Lage bin." Im Laufe des Tages
wurde dem Kalifen jedoch klar, daß keine Hoffnung mehr für ihn bestand. Er ließ
seine Söhne rufen und gab ihnen den Rat, gut zu sein und dem Islam zu dienen.
"Sollen wir nach dir Al-Hasan die Treue geloben?" fragte irgendeiner.
Ali (r) antwortete:
"Ich sage euch nicht, daß ihr es tun sollt, noch verbiete ich es euch. Tut, was
ihr für richtig haltet."
Der sterbende Kalif ließ seine geliebten Söhne Al-Hasan (r) und Al-Husain (r) an
sein Bett herantreten und sagte: "Dies ist mein Vermächtnis: Fürchtet Allah und
strebt nicht nach weltlichen Dingen. Sehnt euch nicht nach Unerreichbarem. Seid
immer wahrhaftig, barmherzig und hilfreich. Helft den Unterdrückten und haltet
die Hand des Gewalttäters zurück. Folgt den Geboten des Qur'an, ohne euch darum
zu kümmern, was andere sagen."
Am gleichen Abend verschied Ali, möge Allah an ihm Wohlgefallen haben, der
vierte rechtgeleitete Kalif des Islam. Er war 63 Jahre alt geworden. In den
letzten Augenblicken wiederholte er ständig folgende Verse des Qur'an aus der Sure
99, Vers 7 und 8:
"Wer also Gutes im Gewicht eines Stäubchens tut, wird es sehen, und wer
Schlechtes im Gewicht eines Stäubchens tut, wird es sehen."
Die fünf Jahre von Ali's Kalifat
Ali (r) war vier Jahre und neun Monate lang Kalif. Diese ganze Zeit war durch
große Unruhen gekennzeichnet. Zu Lebzeiten des Propheten (Friede sei mit ihm) hatte 'Ali's Schwert den Islam stark gemacht, aber während
seines eigenen Kalifats mußten durch das gleiche Schwert Muslime sterben. Nichts
war 'Ali (r) mehr zuwider als dies. Er verabscheute von ganzem Herzen, was er
tun mußte. Dadurch wurde er zu einem anderen Menschen, als er von Natur aus war
und sein wollte.
Ein großes Unglück für Ali (r) waren die Männer, die sich in seine Umgebung
gedrängt hatten. Es waren diejenigen, die sich aktiv gegen Uthman (r) betätigt
hatten. Sie hatten sich durch Gesetzlosigkeit des betagten Kalifen entledigt,
und niemals wieder konnten sie ganz gesetzestreu werden. Nach der Ermordung
Uthmans hatten sie den Kalifen, den sie wollten, und nun sollte er sich ihren
Launen fügen. Sie verlangten von ihm, daß er ihre Befehle ausführe, und Ali
(r) mußte sich in diese Notlage fügen. Vielleicht wäre dadurch nicht so viel
Leid entstanden, aber zu seinem Unglück sprachen sie nicht mit einer Stimme,
sondern zogen ihn in die verschiedensten Richtungen. Das führte zu Untätigkeit,
Unruhe und schließlich zu raschem Niedergang.
Ali's Widersacher Mu'awiya war ein ungewöhnlich fähiger Mann, dazu kam sein
großer Ehrgeiz. Er ging sein Ziel mit erstaunlich taktischem und diplomatischem
Geschick an, und mit diesen ausgeklügelten Waffen konnte er 'Ali leicht
besiegen.
Ali (r) ist ohne Zweifel einer der größten Söhne des Islam; sehr wenige Sahaba
gleichen ihm in seiner engen Verbundenheit mit dem Propheten (Friede sei mit
ihm) und diese Nähe gab ihm wunderbare Eigenschaften des Geistes und
des Herzens. Mit diesen verband er eine unerreichte Größe an Mut und Kraft. Wenn
man dies in die Waagschale wirft, läßt sich Mu'awiya nicht mit ihm vergleichen.
Ali (r) beherrschte die arabische Sprache auf wunderbare Weise in Wort und
Schrift. Auf dem Schlachtfeld war er der Schrecken des Feindes. Er hatte ein
tiefes Begriffsverständnis für den Qur'an. In schwierigen Fällen wandten sich
Abu Bakr und Umar oft an ihn um Rat.
Es ist eine Ironie des Schicksals, daß ein Mann mit solch hervorragenden
Eigenschaften keinen Erfolg als Herrscher über Menschen hatte. Denn sein Leben
war in einen tragischen Moment der Geschichte verstrickt. Er mußte einer Politik
zustimmen, von der er wußte, daß sie selbstzerstörerisch war. Ali (r) hätte
sicher mehr Erfolg gehabt, wenn er in einer weniger verwirrten Zeit zur Macht
gekommen wäre.
Mit Ali's Tod wurde das ruhmreichste Kapitel in der Geschichte des Islam
beendet. Er war der letzte der "rechtgeleiteten" Kalifen. Die große islamische
Tradition, politische Macht mit selbst auferlegter Bedürfnislosigkeit und
selbstlosem Dienen zu vereinen, verschwand mit ihm. 'Ali (r) war der letzte
Kalif, der sein Amt tatsächlich so ausübte, wie es dem islamischen Geist der
Gleichheit entspricht.
Schlusswort
"Allah begnadete Abu Bakr. Bei Allah, er befolgte den Qur'an, hielt sich von
Abweichungen fern, beging keine Schandtaten, untersagte verwerfliche Handlungen,
kannte seine Religion, fürchtete Allah, stand nachts auf um zu beten, fastete
tagsüber, war in seinem irdischen Leben makellos, war entschlossen zu
Gerechtigkeit gegenüber den Menschen, befahl das Gute und führte zu ihm hin, war
dankbar in allen Lebenslagen, gedachte Allahs beim Kommen und Gehen, zwang sich
selbst zum besten Verhalten und übertraf seine Sahaba an Gottesfurcht,
Genügsamkeit, Enthaltsamkeit, Redlichkeit, Güte, Fürsorge, Mäßigkeit und
Tüchtigkeit.
"Und über 'Umar Ibn Al-Hattab (r) sagte er:
"Allah begnadete Abu Hafs (Beiname Umars); bei Allah, er war dem Islam
verschworen, ein Zufluchtsort für die Waisen, eine Stätte des Glaubens, ein
Beschützer der Schwachen, eine Feste der Rechtgläubigen, für die Schöpfung eine
Festung und ein Beistand für die Menschen. Er setzte sich ein für die Sache
Allahs mit Geduld und Aufopferung, bis Allah dem Islam den Sieg verlieh und er
die Länder eroberte. Er gedachte Allahs überall - daheim und in der Fremde, auf
den Bergen und in Stadt und Land -, und er war fürwahr würdevoll. Er war sowohl
in Not als auch in sorgenfreier Lage sehr dankbar und gedachte Allahs
jederzeit." ,
Und von Uthman Ibn 'Affan (r) berichtete er:
"Allah begnadete Abu 'Amr (Beiname Uthmans); er war, bei Allah, von edelster
Abstammung, Vereiniger der Rechtschaffenen, der Standhafteste in Kriegszügen. Er
verbrachte die Nacht betend bis zur Morgendämmerung, wobei er bei der Anrufung
Allahs reiche Tränen vergoß; er war ständig am Nachdenken über das, was ihn bei
Tag und Nacht ernstlich beschäftigte, er packte jede edle Handlung tatkräftig
an, er strebte nach jeglichem Guten, indem er jedem Verbrechen entfloh. Er
rüstete das Heer auf und finanzierte Wasserquellen, und er war der Schwiegersohn
des Gesandten Allahs, da er zwei von dessen Töchtern geheiratet hatte."
Und über Ali (r) sagte er:
"Allah begnadete Abu Al-Hasan (Beiname Ali's); er war, bei Allah, ein
Wegweiser für die wahre Religion, eine Höhle der Gottesfurcht, eine Stätte der
Klugheit, ein Berg des Glanzes, das Licht einer angesehenen Persönlichkeit in
der Finsternis des Unrechts, einladend zum großartigsten Weg, vertraut mit dem,
was im Qur'an steht; dessen Auslegung lag ihm sehr am Herzen, und er widmete
sich ihr voller Andacht. Er hielt fest an den Motiven der richtigen Führung,
unterließ Unterdrückung und ungerechtes Handeln, wandte sich ab von den Pfaden
des Verderbens; er bevorzugte den Gläubigen und Gottesfürchtigen und machte zum
Gebieter, wer ein Obergewand trug (d. h., wer sich züchtig kleidete). Er führte
die Pilgerfahrt und den siebenmaligen Lauf zwischen As-Safa und Al-Marwa
vorbildlich durch; er war der beste Prediger unter den Menschen nach den
Propheten und dem auserwählten Propheten Muhammad, Allahs Segen und Friede auf
ihm; er nahm an Gebeten in beide Gebetsrichtungen der Muslime teil (zuerst
Jerusalem, dann Mekka). Ist ihm also ein Bekenner der Einheit Allahs ebenbürtig?
Und er war der Ehemann der besten aller Frauen (Fatima) und der Vater zweier
bedeutender Söhne (Al-Hasan und Al-Husain). Meine Augen haben keinen anderen wie
ihn gesehen und werden mir keinen anderen zeigen bis zum Jüngsten Tag."
Dies waren die Rechtgeleiteten Kalifen des Islam und die Elite unter den Sahaba
des Propheten Muhammad (Friede sei mit ihm) möge Allah an ihnen
Wohlgefallen haben. Sie werden für uns immer leuchtende Vorbilder sein.