.::Tod im Container (2002-12-16)::.

 

 

Der irische Journalist Jamie Doran will beweisen, dass US- Soldaten in Afghanistan bei einem Massaker an gefangenen Taliban zugesehen haben.

 

Es war einer dieser Abende bei Crosses Corner, einem Pub in Windsor unweit des königlichen Schlosses. Der irische Dokumentarfilmer Jamie Doran, 46, der immer viel redet, und sein Kameramann Mark Oulson-Jenkins, 31, der immer viel schweigt, saßen wie meist um diese Zeit bei einem Pint Foster's zusammen. Am nächsten Tag wollten sie wieder los auf ihren nächsten Trip zu den Kriegern nach Nordafghanistan, und beide hatten dieses komische Gefühl im Bauch: "Fucking hell", sagte Doran, "Mark, es kommt schlimm diesmal."

Dass es so schlimm kommen würde, ahnte er nicht.

Der freie Filmemacher und sein Team waren schon seit geraumer Zeit hinter einer ziemlich heißen Geschichte her. Sie wollen belegen, dass die Truppen des mächtigen und blutrünstigen Nordallianz-Generals Raschid Dostam unter den Augen der amerikanischen Verbündeten nach dem Fall von Kunduz Ende November letzten Jahres in Afghanistan ein monströses Kriegsverbrechen verübten.

Für bis zu 3000 der 8000 Taliban und al-Qaida-Kämpfer, die in Kunduz kapitulierten, endete der Gefangenentransport ins rund 300 Kilometer westlich gelegene Gefängnis von Shibarghan offenbar tödlich. Wie Sardinen seien sie in unbelüftete Container gepresst worden und qualvoll an Sauerstoffmangel, Überhitzung und Durst gestorben, behauptet Doran, viele Überlebende seien erschossen worden. Die Toten liegen rund 150 Kilometer westlich von Masar-i-Scharif in der Wüste Dasht-i-Laili verscharrt. Zeugen im Film behaupten, dass Amerikaner während der grausamen Erstickungen und auch während der Erschießungen von Kriegsgefangenen direkt daneben gestanden hätten.

Als Doran und Oulson-Jenkins schließlich ein vorläufig letztes Mal in Dostams Herrschaftsgebiet nach Masar-i-Scharif reisten, um für ihr Projekt letzte Belege - Zeugenaussagen und unveröffentlichtes Filmmaterial - zu sichern, war die Atmosphäre bereits spürbar angespannt. Die lokalen Warlords wussten längst, warum die beiden gekommen waren: Doran hatte einen verkürzten Rohschnitt seines Films mit explosiven Zeugenaussagen bereits vor Europa-Parlamentariern in Straßburg gezeigt und damit Menschenrechtsorganisationen und die internationale Presse, darunter den SPIEGEL (32/2002), alarmiert. Ende August titelte das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek": "Der Todeskonvoi von Afghanistan. Sind die USA mitverantwortlich für die Gräueltaten ihrer Alliierten?"

Kurz darauf rannten Doran und Oulson-Jenkins um ihr Leben: "Gesucht werden zwei britische Journalisten, die einen illegalen Film über die Regierung machen wollen", ließen Dostams Schergen über "Radio Balkh", den örtlichen Sender, verbreiten. Die beiden retteten sich gerade noch in ein Uno-Flugzeug nach Kabul. Ein afghanischer Mitarbeiter Dorans, der versuchte, brisantes Filmmaterial zu kopieren, wurde dafür fast zu Tode geschlagen.

Mit der neuen Fassung des Films will Doran beweisen, dass die gegen die Afghanen Krieg führenden Amerikaner von diesem Massenmord nicht nur wussten, sondern selbst involviert waren: "Mein Film zeigt die Kette der Verantwortlichkeit."

Die Filmemacher haben ihr Werk inzwischen in viele Länder verkauft, die ARD ändert extra ihr Vorweihnachtsprogramm und zeigt die deutsche Fassung diesen Mittwochabend unter dem Titel "Das Massaker in Afghanistan - Haben die Amerikaner zugesehen?" um 21.55 Uhr.

Viele Filmsequenzen legen nahe, dass US-Militärs stets alles sehr genau verfolgten - die Transporte der Gefangenen, die Verhöre und schließlich die Auswahl derer, die nach Guantanamo Bay auf Kuba gebracht werden sollten, auch in den Tagen, als das Massaker stattfand. "Waren Amerikaner anwesend?", fragt Doran im Film einen afghanischen Fahrer, der von Dostam-Soldaten gezwungen worden war, einen jener Container mit der Fracht von Toten und Sterbenden in die Wüste zu fahren.

"Ja, sie waren da", antwortet der Fahrer. "Hier in Dasht-i-Laili?", fragt Doran. "Ja, hier", sagt der Fahrer. "Wie viele Amerikaner waren dabei?" "Viele, vielleicht 30 bis 40", sagt der Fahrer. Ein anderer: "Alles war unter Kontrolle des amerikanischen Kommandeurs. In jedem Container waren 200 bis 300 Leichen, sie wurden hierher gebracht und begraben." Letzte Beweise - Bilder, die Amerikaner mit den Getöteten zeigen - fehlen jedoch. Als erster westlicher Berichterstatter hatte Doran die Überreste der Getöteten, verblichene Knochen und Kleider, im Dezember 2001 im Wüstensand entdeckt. "Wäre ich gewesen, wo all die anderen internationalen Journalisten waren, hätte ich die wichtigste Geschichte dieses Krieges verpasst", sagt der mehrfach ausgezeichnete Dokumentarfilmer.

170000 Pfund, über 260000 Euro, hat der Film gekostet - Doran lieh es sich von der Bank und borgte es von Freunden, seine Firma war zwischendrin fast pleite. Jüngst saßen er und Kameramann Oulson-Jenkins mal wieder in Windsor im Pub Crosses Corner. Die beiden waren sich einig, die Sache, die sie gemeinsam begonnen hatten, auch zu Ende zu bringen: "Und Ende ist erst", meint Doran, "wenn die Verantwortlichen vor einem Gericht stehen."

 

Quelle: Spiegel Online (15.12.02)