.::ai-Journal November 1995
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Bosnien-Herzegowina -
Die Vermissten von Srebrenica::.
Das Wort "Schutzzone" täuschte eine Sicherheit vor, die es nicht gab. Im Juli
dieses Jahres griff die bosnisch-serbische Armee die im Osten
Bosnien-Herzegowinas gelegenen muslimischen Enklaven Srebrenica und Zepa an.
Nach wenigen Tagen war die Schlacht entschieden: etwa 40.000 Menschen allein in
Srebrenica waren heimatlos geworden und begaben sich auf die Flucht, wurden
evakuiert oder festgenommen - letzteres vor allem die Männer im "wehrfähigen
Alter". Bis heute ist der Verbleib von circa 4000 Männern zwischen 13 und 77
Jahren ungeklärt. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass es zu Entführungen und
Ermordungen gekommen ist. Rund 15.000 Bewohner der Enklave versuchten, durch die
Wälder in bosnisch kontrolliertes Gebiet bei Tuzla zu flüchten. Auf ihrem Weg
dorthin wurden sie von serbischen Truppen attackiert. Zeugen, mit denen
Mitarbeiter von amnesty international wenige Tage nach dem Fall Srebrenicas
sprechen konnten, berichteten, dass Männer, die sich den serbischen Truppen
ergaben, weggebracht oder erschossen wurden. Es gibt auch Hinweise darauf, dass
Massenhinrichtungen stattgefunden haben. Ein Augenzeuge schätzt, dass rund 3000
Männer auf der Flucht von serbischen Truppen aufgegriffen worden sind. Sie sind
bis heute nicht wieder aufgetaucht. Die im Ort verbliebenen Menschen zogen sich
mit den Soldaten der UNPROFOR in eine stillgelegte Batteriefabrik nach Potoaari,
fünf Kilometer nördlich von Srebrenica, zurück. Die Interviews, die
ai-Mitarbeiter mit früheren Bewohnern Srebrenicas führten, lassen kaum Zweifel
zu, dass es zu Misshandlungen, Ermordungen und Vergewaltigungen durch die
serbischen Eroberer gekommen ist. Die meisten der Flüchtlinge von Potoaari
wurden später unter der Kontrolle des Roten Kreuzes nach Tuzla evakuiert. In
Tuzla soll es zu Racheaktionen gegen in der Region verbliebene Serben gekommen
sein. Beim Fall der kleineren "Schutzzone" Zepa sind ebenfalls Männer aus Bussen
geholt und festgehalten worden. ai liegen aber deutlich weniger Berichte über
Übergriffe und Plünderungen aus Zepa als aus Srebrenica vor. Srebrenica war seit
1992 von Truppen der bosnischen Serben belagert worden. Im April 1993 hatte der
UNO-Sicherheitsrat die Enklave zur UNO- Schutzzone erklärt und einige Einheiten
der Schutztruppe UNPROFOR stationiert, die die Sicherheit der Bewohner
gewährleisten und den Waffenstillstand überwachen sollten. Zwei Jahre lang blieb
es bei kleineren militärischen Auseinandersetzung, bis serbische Befehlshaber am
8. Juli die Offensive anordneten. Drei Tage später fiel die Enklave in die Hände
der Angreifer. Recherchen der Berliner "Tageszeitung" zufolge haben Militär und
Geheimdienst der USA schon vor den Angriffen auf Srebrenica von der
bevorstehenden Offensive gewusst. Das Blatt zitiert Abhörprotokolle von
Gesprächen zwischen dem serbischen Oberbefehlshaber Pericic aus Belgrad und dem
militärischen Chef der bosnischen Serben, Mladic, in denen der Angriff auf die
UNO-Schutzzone geplant worden sei. Auch hätten US- Aufklärungsflugzeuge schon
Wochen vor dem Angriff mit Luftausnahmen dokumentiert, dass die Serben ihre
Truppen um Srebrenica zusammenzogen. Spätere Aufnahmen, die ebenfalls
zurückgehalten würden, sollen Erschießungen zeigen. Washington habe weder die
UNO noch die NATO- Verbündeten über ihre Erkenntnisse informiert - nach
Einschätzung der "taz" habe man den Fall Srebrenicas genauso wie die Vertreibung
der Serben aus der Krajina in Kauf genommen, um die eigene Friedensinitiative
für Bosnien-Herzegowina nicht zu gefährden.