Matthias
Brökers 18.01.2002
Die tragische Geschichte von John O´Neil, dem
obersten Terroristenjäger der USA, der aus Frustration über die Behinderung
seiner Fahndung nach Bin Laden seinen Job kündigte und im World
Trade Center umkam, schlägt mittlerweile auch in den USA Wellen. Selbst CNN sah sich genötigt, auf diesen
Fall und das Buch von Brisard und Guillaume Dasquie Bin Laden- la verite interdite, das ihn enthüllte einzugehen.
Der Experte, den CNN dazu befragte, der ehemalige
UN-Waffeninspektor und jetzige Angestellte des Rockefeller-Instituts "Council on Foreign
Relations", Richard Butler, brachte keine besondere Mühe auf, die Thesen
des Buchs abzulehnen oder zu kritisieren. Das ist desto erstaunlicher, als Brisard und Dasquie u.a. unter
Berufung auf John O'Neill behaupten, dass eine mögliche Gefangennahme Bin Ladins verhindert wurde, um amerikanische Öl-Interessen
nicht zu gefährden. So wurden O'Neill und seine FBI-Fahnder nach den Anschlägen
auf die US-Kaserne in Saudi-Arabien und auf das US-Schlachtschiff
"Cole" davon abgehalten, dort und im Jemen nach den Tätern zu
fahnden. Und während der Pipeline-Verhandlungen mit der Taliban-Regierung
soll deren Angebot einer möglichen Auslieferung Bin Ladins
von den US-Vertretern abgeschlagen worden sein - weil die Afghanen in diesem
Fall einer höhere Beteiligung an den Pipeline-Gewinnen verlangten. Butler meint
im CNN-Interview dazu ziemlich lakonisch:
"Da haben wir das Öl, und das ist eine
fundamentale Sache. Diese grundlegende Realität sollten wir nicht aus den Augen
verlieren. Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten repräsentiert 5% der
Weltbevölkerung und verbraucht 40% des Öls der Welt. Deshalb ist Öl eine so
wichtige Sache... und es gibt bedeutende Ölvorräte in Zentralasien und der
beste Weg, sie ans Meer zu bekommen, wäre eine Pipeline durch Afghanistan zu
bauen. Das ist das Netz, und ich glaube, uns werden nicht alle Fakten
berichtet. Es wird abgestritten, behauptet, dass bestimmte Treffen nicht
stattgefunden haben, obwohl sie tatsächlich stattfanden. Die interessanteste Sache,
die diese französischen Autoren berichten, ist, dass sie Archive einsehen
konnten. Wir konnten ihren Akzent nicht genau verstehen, aber ich weiß, was das
bedeutet: sie hatten Zugang zu Aufzeichnungen diplomatischer Gespräche."
Doch selbst
ohne Einblick in Diplomatenprotokolle lässt sich mittlerweile feststellen, dass
die Agenda des sogenannten "war on terror"
in Afghanistan letztlich aus zwei Buchstaben besteht: Öl! Der auf dem Bonner
Petersberg zum Chef der afghanischen Interimsregierung ernannte Hamid Karsai fungierte bei den
Pipeline-Verhandlungen mit den Taliban als Berater im
Auftrag des US-Konzerns Unocal (Quelle: Le Monde, 5.12.2001). Auch der neue
US-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Zalmay Khalilzad, der Anfang Januar in Kabul eintraf, stand
jahrelang ebenfalls auf der payroll des multinationalen Öl-Riesen in Houston. Khalilzad, in Kabul geborener US-Bürger, diente unter Bush
Senior als Unterstaatssekretär im Verteidigungsministerium und war als Unocal-Mann von Mitte der 90er Jahre an maßgeblich an den
Pipeline-Verhandlungen der Taliban-Regierung
beteiligt. Noch 1997, als die Menschenrechtsverletzungen des Regimes schon
offensichtlich waren, schrieb er in er Washington Post ganz im Sinne seines
Arbeitgebers:
"Die Taliban
praktizieren nicht den Anti-US-Fundamentalismus wie der Iran. Wir sollten
willens sein, das anzuerkennen und humantiäre Hilfe
und internationale Förderung des ökonomischen Aufbaus anbieten. Es ist Zeit für
die USA, sich zu re-engagieren."
Bei seiner ersten Pressekonferenz in Kabul
bezeichnete Khalizad die Taliban
nun freilich als Sponsoren des internationalen Terrorismus und kündigte an, die
USA würden ihre Kampagne so lange fortsetzen, bis sie und ihre Alliierten in
Bin Ladis Al-Qaida-Netzwerk
ausgeschaltet seien. Nun denn, dass auf einer milliardenteuren Großbaustelle
keine versprengten Partisanen und potentiellen Saboteure gebraucht werden
können, ist eigentlich logisch. Dass es dabei aber primär um die Baustelle und
die Geschäftsinteressen der beteiligten Unternehmen geht - und nicht um die
Befreiung der Welt von Terroristen -, kann bei der personellen Besetzung der
Top-Positionen in Regierung und US-Botschaft nur noch einem Blinden verborgen
bleiben.